Ophelia auf der Nirosta-Klippe

9. Juni 2002, 19:11
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Jeder Superlativ gerechtfertigt: "Portia Coughlan" der Irin Marina Carr im Museumsquartier

Aus einer verzwickten Meditation über mythische Urschuld fertigt Alize Zandwijks wunderbares RO Theater im Museumsquartier einen brennenden Abend. Das Stück "Portia Coughlan" der Irin Marina Carr rechtfertigt bei den Festwochen jeden Superlativ.


Wien - Die westliche Zivilisation hat sich von der Zerstörung der "Mutterrecht" genannten Ordnung nicht erholt: wie viel weniger der irische Kulturkreis mit seinen zwischen rauchfarbenen Flüssen eingeklemmten Städten, den verwahrlosten Träumern, Bettlern, Tagedieben.

Das Vorrecht weiblicher Überlieferung wurde mit Ende der Orestie an die Familienväter abgetreten: an die Zwangsverwalter der rationalen Ordnung, die das Gemeinwesen sogleich in ein haarfeines Netz von Verordnungen einwickelten. Deren wichtigste ist kulturbegründend: Du sollst weder mit Mutter noch Vater noch Bruder noch Schwester zu Bette liegen!

In Portia Coughlan, dieser zart rauchfarbenen Apotheose des griechischen Verhängnisses, gekleckst mit der mythischen Tinte der Irin Marina Carr (38), liegt man nicht mehr lüstern zu Bette. Man lässt sich im Museumsquartier von ahnungsvollen Gefühlsunterströmungen ins Offene und Unerwartete treiben.

Die Titelheldin (Sanneke Bos), eine Familienmutter, die in einem halbbäuerlichen Nest den Mann verachtet, einen Dorfschläger verführt, einen Barkeeper in den Wahnsinn treibt, die Eltern ankeift, das eigene Fleisch und Blut vernachlässigt, steht auf der Küchenabwasch wie auf einer besonders erhabenen Klippe.

Mythen-Spülmaschine

Als würde sie von einer Schaumkrone erfasst und in eine Vorwelt hinweggespült, wo die Geschwister unaufhörlich Hochzeit halten, der Krieg der Geschlechter befriedet ist. Man könnte es Sehnsucht nennen, wenn man überhaupt wüsste, was Portia zwischen Brandyflaschen und Salzfässern umtreibt: in ihrem zart lilafarbenen Nylonnachthemd, von Galanen umschwärmt und Geistern (ihrem ertrunkenen Zwillingsbruder) genötigt.

Der unergründliche Genius der Rotterdamer Regisseurin Alize Zandwijk, deren RO Theater bei den Festwochen in holländischer Sprache gastiert, langt mitten hinein in die Zwischenwelt einer zu Lebzeiten begrabenen Ordnung.

Wie Schatten hängen die Menschen erschlafft an den Tapetenwänden einer Flusslandschaft, in der die Toten gleichberechtigt weben und die Lebenden sich an die Äste eines abgestorbenen Baums schmiegen: Brandygläser stellen, sich Rosen unter die Vorhaut klemmen, Knallfrösche zünden, Aschenbecherbrände in Damenhandtaschen entfachen und die Hirne in eine vergorene Überwachheit hineintreiben.

Zandwijks berückender Abend beginnt wie mit zaghaften Schritten: Um die Figuren dieses mythischen Panoptikums weht die durchsäuerte Brise einer irgendwo im Langzeitgedächtnis verräumten Katastrophe. Die Gesetze der vertrockneten Landgesellschaft sind unumstößlich. Portia zeigt dem Barkeeper schon beim morgendlichen Brandygenuss das Höschen. Mit einem böse scheppernden Lachen erwidert sie alle Avancen, und die Vielbegehrte verhängt ihr Haupt mit einem Geschirrschmutztuch.

Der mythisch ungesühnte Tod des Zwillingsbruders bindet sie lebenslang an die Opferdienstleistung. Ihre und ihres Bruders Eltern sind Halbgeschwister. Zanwijk kokettiert überzeugend mit der Stellordnung der Tragödie, und doch hetzt sie jede Figur wie mit Furien ins Delirium ihrer Möglichkeiten.

Im Mittelakt, wenn Carr den Ophelia-Tod der Portia als Möglichkeit durchspielt, gerät die Inszenierung in ein schwer keuchendes Tanzen, Rennen, Atmen, Hasten und Angstschreien. Die Wahrheit brennt, wie nur in den besten Arbeiten von Castorf und Thalheimer, unter den Körpern - und spült aus ihnen den Unrat der Seelen hervor. Aus dergleichen Stoff besteht nur ein großer, im Nichts endender Abend: wie Portia Coughlan. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2002)

Von Ronald Pohl
  • Artikelbild
    foto: festwochen/filmfabrik
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