Ein Königreich für einen Engel!

10. Juni 2002, 12:30
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David Bowie meldet sich nach einigen stilistischen Verirrungen mit dem grandiosen Album "Heathen" zurück

Wien - David Bowie wurde zwar vom britischen New Musical Express gerade zum einflussreichsten Popkünstler aller Zeiten gewählt. Die Qualität der Songs seines neuen Albums Heathen allerdings hätte man dem 55-Jährigen nach diversen Fehltritten während der letzten Jahre nicht mehr zugetraut.

Spätestens nach Scary Monsters, seiner letzten durchgängig überzeugenden Arbeit aus 1980, verlor sich Bowie zwar kommerziell zunächst erfolgreich wie nie zuvor im gelackten Disco-Pop von Let's Dance.

Darauf folgende Versuche, sich als "einfaches Bandmitglied" bei der unsäglichen Rockband Tin Machine (erfolglos) in die zweite Reihe zu stellen und sich von seinen alten Images wie Ziggy Stardust oder dem Thin White Duke freizuspielen, scheiterten mit zwei mediokren Veröffentlichungen aber ebenso, wie Bowie zehn Jahre nach seiner mit Brian Eno entworfenen, genialen und düsteren Berlin-Trilogie Low, Heroes und Lodger aus den späten 70er-Jahren als Soundtrack-Lieferant von Filmen wie Absolute Beginners oder Labyrinth am unteren Ende der kreativen Fahnenstange angekommen schien.

Rollenspiele

Erst 1993 ging es mit dem aus heutiger Sicht zu Unrecht wenig beachteten Album Black Tie White Noise, einer Mischung aus altbewährtem Düsterrock der Berlin-Phase und unglaublich pathetischem Gesang im Stile des großen Pop-Tragöden Scott Walker wieder aufwärts. Der sperrige Industrial Rock von 1. Outside aus 1995 brachte dann nicht nur alte Rollenspiele Bowies wieder aufs Tapet. Man erinnere sich nur an die Single Spaceboy.

Mit dem darauf folgenden Earthling aus 1997 begann sich der alte Stil-Staubsauger Bowie auch erstmals seit Jahren wieder mit aktuellen Trends auseinander zu setzen. Die Versuche, den hektischen Dancefloor des Drum 'n' Bass mit Rock zu koppeln, musste dabei zwar zwangsweise scheitern. Dieses Scheitern aber geriet immerhin stellenweise grandios.

Zuletzt gastierte der Komponist von Klassikern wie The Man Who Sold The World, Life On Mars und vor allem auch der deutschen Fassung von Helden mit seinem längst wieder gnädig vergessenen sentimentalen Altherren-Pop-Ausrutscher Hours vor drei Jahren auch in Wien.

Mit Exsupermodel Iman zeugte er Nachwuchs, huldigte in seiner Wahlheimat New York ein wenig seiner alten Liebe, der expressiven Malerie. Und nebenbei ging er als Trademark David Bowie an die Börse. Innerhalb weniger Wochen verdiente er hier mit der Option auf zukünftige Erfolge unglaubliche 200 Millionen Euro und könnte sich eigentlich beruhigt in die Rente zurückziehen.

Und jetzt das! Mit den zwölf Songs von Heathen gibt es ab sofort den besten - und ungeschminktesten! - Bowie seit 1980 zu hören. Unter Mitwirkung seines alten Produzenten Tony Visconti, der schon bei Space Oddity, Diamond Dogs oder Scary Monsters hinter den Reglern saß und mit dem Bowie 15 Jahre kein Wort wechselte, weil dieser einige pikante Details aus Bowies Privatleben ausgeplaudert hatte, umkreist Bowie hier in 5.15 The Angels Have Gone, A Better Future oder im elegischen Titelsong ein altersgemäßes Thema: die Suche nach Liebe und spirituellem Halt in einer gottlosen Welt.

Von Hunky Dory über Teenage Wildlife bis zum unvermeidlichen Heroes, das mit Pete Townsend von The Who an der Gitarre in der aktuellen Single Slow Burn ausgiebig beschworen wird: Bowie zitiert sich auf Heathen zwar ausgiebig selbst. Ein Konzept, dem sich auch Coverversionen wie Cactus von den Pixies, I've Been Waiting For You von Neil Young oder I Took a Trip On A Gemini Spaceship des Legendary Stardust Cowboy unterordnen müssen.

Mit der elegischen Ballade Slip Away ist Bowie aber einer der definitiv schönsten, berührendsten Songs seiner Karriere gelungen. Hier zieht die Gänsehaut auf! "Down in space it's always 1982. This joke we always knew." (DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2002)

Von
Christian Schachinger

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