Die namenlose Gier der zwangsbelebten Seelenschatten

11. Juni 2002, 22:03
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Wiederauferstehung des unfassbaren Zwitterwesens "Hyde and Jekyll" in der Volksoper

Mit einer Art Doppelpremiere feiert die Wiener Volksoper die Wiederauferstehung des zweigeteilten Wesens "Hyde and Jekyll": Liz King und Catherine Guerin beleben mit viel Anmut einen Mythos der Moderne.


Wien - Das Publikum sucht seine Plätze. Abgelenkt, denn vor dem Vorhang hat das Geschehen schon begonnen. Dort wiegt sich grinsend eine in eine Robe gehüllte Figur mit Sternchenstab. Unter der Hülle verbirgt sich ein gespaltenes Wesen, Doktor Jekyll, Protagonist aus Robert Louis Stevensons Romanklassiker Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Daraus haben die Choreografinnen Liz King und Catherine Guerin ihre Motive für das zweigeteilte, vollkommen separat gearbeitete Tanzstück Hyde and Jekyll (Musik: Remix von Sebastian Schlachter und Stefan Strobl) an der Wiener Volksoper geschöpft. Umjubelt, weil die von der Basis her klassisch ausgebildeten Tänzer ihr Können in die geforderte "moderne" Choreografie bestens einbringen.

Anders als ursprünglich angekündigt, dadurch aber verständlicher, beginnt der Abend mit Catherine Guerins Jekyll/Subject to Change. Die wunderbare Zauberfee ist Mr. Jekyll, Michael Dolan, ein eigenbrötlerischer Mediziner, ein Ehrenmann der Londoner Herrengesellschaft, ein mit Tränken experimentierender Forscher. Guerins Akt beginnt minutiös: Das Corps de Ballet, betuchte Herren mit Zylinder, zieht seine gesellschaftlich angepassten Spuren.

Übrig bleibt Dr. Jekyll: Schon drängt sich die andere Hälfte seiner Persönlichkeit in den Vordergrund. Ein gerissener Dandy, Mister Hyde (Milos Galko), der ihm den Zylinder vom Kopf reißt und immer mehr die Oberhand gewinnt. Da tut sich Leben auf, sind viele Frauen im Spiel.

Und dazwischen ein naiv wirkendes Mädchen (Daphne Strothmann): die Beute für den feinen Herrn mit dem dominanten Schatten? Nein, noch zu früh für den gierigen Fraß, denn die mit Gehstöcken rhythmisch stampfende Society steht schon parat.

Liz Kings Akt Hyde packt das Thema anders an: Da hockt ein gieriges Wesen (Mani Obey), nicht Mensch, nicht Tier, auf der Bühne. Eine schrille Figur, hinter der plötzlich mehrere Männer zum Vorschein kommen. Hyde, sämtliche Charaktere von Jekyll in sich tragend, tanzt und lacht schallend - der Anfang einer komplizierten, ansprechenden Choreografie.

Mit Eveline van Bauwel hat King eine einnehmende Protagonistin gefunden. Sie deckt einerseits den femininen Part dieses schizophrenen Charakters ab, ist andererseits auch sexueller Zielpunkt.

Nicht ganz: Liz King geht mehr auf die Qualen der durch Drogen veränderten Psyche ein. Hyde steht Todesqualen aus und möchte doch zurückfinden ins Leben. Ein Trauerspiel. Doch nur zum Teil: King ist ihren Teil auch mit Humor angegangen, unterlegt so manche Szene mit Revueszenen - und lässt Hyde und Jekyll singend überleben. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2002)

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