Italiens Gewerkschaftschef Cofferati tritt zurück

9. Juni 2002, 20:19
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Berlusconis hartnäckigster Gegner - Keine Karriere als Politiker geplant

Rom - Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und in einer Phase heftiger Spannungen rund um die Lockerung des Kündigungsschutzes tritt der Chef des stärksten italienischen Gewerkschaftsverbandes CGIL, Sergio Cofferati, von seinem Posten zurück. Wie der Gewerkschaftsverband am Sonntag in einer Presseaussendung mitteilte, wird Cofferati nach acht Jahren an der Spitze der fünf Millionen Mitglieder starken Gewerkschaft am 8. Juli zurücktreten und im Oktober an seinen Arbeitsplatz als einfacher Angestellter beim Mailänder Reifen- und Kabelproduzenten Pirelli zurückkehren.

Der 54-jährige Cofferati überraschte Italiens politische Szene mit seinem Schritt. Wegen seiner aggressiven Kampagne gegen die wirtschaftspolitische Linie der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi war vielfach vermutet worden, Cofferati wolle Oppositionschef Francesco Rutelli entthronen und seinen Posten übernehmen. "Ein Wechsel an der Spitze der Organisation ist für das Wohl des Verbandes notwendig", sagte der aus Turin stammende Cofferati, der noch diese Woche einen sechsstündigen Streik gegen die Mitte-Rechts-Regierung ausgerufen hatte.

Cofferati, der in den letzten Monaten als hartnäckigster Gegner Berlusconis aufgetreten war, hatte stets bestritten, dass er am Ende seines Mandats den Einstieg in die Politik plane. Politiker im Mitte-Rechts-Block hatten ihm vorgeworfen, eine Kraftprobe mit dem Kabinett rund um die wirtschaftlichen Reformen Berlusconis begonnen zu haben, weil er Konsens im Hinblick auf eine neue Politkarriere brauche. "Es ist immer ein Fehler, wenn ein Gewerkschaftschef in die Politik einsteigt", kommentierte Cofferati.

Als aussichtsreichster Nachfolger Cofferatis gilt die jetzige "Nummer zwei" der CGIL, Guglielmo Epifani. Die Nachfolge wird beim CGIL-Kongress Anfang Juli entschieden. Bis dahin stehen Cofferati noch arbeitsreiche Tage bevor. Während die gemäßigten Gewerkschaftsverbände CISL und UIL die Verhandlungen mit der Regierung rund um den Kündigungsschutz diese Woche neu aufgenommen haben, hat sich die CGIL zu einer Zerreißprobe mit der Regierung entschlossen, die von den Unternehmern als "selbstmörderisch" bewertet wurde.

Die politische Zukunft Cofferatis wird stark vom Erfolg der nächsten Streikwelle abhängen. Denn die linksgerichtete CGIL muss der Öffentlichkeit beweisen, dass die Mehrheit der Italienischen Arbeitnehmer ihren aggressiven Kurs teilt und mit dem Kräftemessen mit Berlusconis Kabinett einverstanden ist.

Die christdemokratische CISL und die Mitte-Links orienterte UIL behaupten, dass die lange Streikwelle gegen Berlusconi die italienische Wirtschaft zu stark belaste. Nach fast acht Monaten scharfen Kampfes gegen die Lockerung des Kündigungsschutzes müsse man den Wege der Diplomatie beschreiten. Der Streik der CGIL sei ein Zeichen der Schwäche und nicht der Stärke des Gewerkschaftsverbands, der einen persönlichen Krieg gegen Berlusconi führe, ohne die Auswirkungen dieser Kampagne auf die Geldbeutel der Arbeitnehmer zu berücksichtigen, argumentieren die CGIL-Konkurrenten. (APA)

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