Leo Kirchs Imperium endgültig zerbrochen

12. Juni 2002, 16:17
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Dachgesellschaft und KirchBeteiligungen insolvent

München - Mit dem Insolvenzantrag der Dachgesellschaft TaurusHolding am Mittwoch ist die KirchGruppe jetzt vollständig zusammengebrochen. Auch die Tochtergesellschaft KirchBeteiligung sowie die Formel Eins Beteiligungs GmbH gingen mit ihr pleite. Die Commerzbank bekundete inzwischen offiziell Interesse an einem Einstieg bei der KirchMedia mit dem TV-Konzern ProSiebenSAT.1 und dem Rechtehandel.

Die genauen Folgen der Insolvenzanträge scheinen wegen der undurchsichtigen Struktur der Kirch-Unternehmen unklar. So besitzt etwa die Insolvenz der Holding zumindest für die Arbeitnehmer nur symbolischen Charakter, da die einst etwa 70 Arbeitsplätze bereits in den vergangenen Wochen auf andere Unternehmenstöchter verlagert oder abgebaut wurden. Das Unternehmen gilt branchenintern als "leere Hülle" und wird nicht mal mehr durch einen Sprecher vertreten. Laut Medienberichten könnte ein Insolvenzverfahren mangels Masse zurückgewiesen werden.

TaurusHolding als Schaltzentrale des Imperiums

Ursprünglich galt die TaurusHolding als Schaltzentrale des Imperiums des mittlerweile 75 Jahre alten Leo Kirch. Sie wurde vor zweieinhalb Jahren gegründet und sollte die Strategie und das operative Geschäft der drei Haupt-Konzernbereiche KirchMedia, KirchPayTV und KirchBeteiligung verantworten.

Auch bei der KirchBeteiligung scheinen die Folgen des Insolvenzantrags offen: Die zu den Hauptsäulen des Ursprungs-Konzerns zählende Beteiligung bündelt zwar die milliardenschweren Anteile an der Formel 1 und am Axel Springer Verlag. Allerdings sollen diese Beteiligungen nicht von der Insolvenz betroffen sein, weil die KirchBeteiligung lediglich das Dach für weitere Kirch-Unternehmen ist, verlautete aus der KirchGruppe.

Formel-1-Anteile werden ausgelagert

So befinde sich etwa das 40-prozentige Aktienpaket am Axel Springer Verlag bei der Tochter Print-Beteiligungen, die nicht von der Insolvenz betroffen sei. Auch die Formel-1-Anteile sollen ausgelagert sein. Bei der Beteiligung sollen zudem lediglich im "einstelligen Bereich" Arbeitsplätze bestehen. Leo Kirch ist dafür bekannt, sein Unternehmen weit verzweigt zu haben.

Für die Übernahme der KirchMedia, die bereits im April Insolvenz beantragt habe, werden dem Konsortium aus Commerzbank, WAZ-Gruppe und ColumbiaTristar die besten Chancen eingeräumt.

WAZ-Einstieg würde Fernsehlandschaft verändern

Vor allem der WAZ-Einstieg bei KirchMedia würde die deutsche Fernsehlandschaft grundlegend verändern. So gilt beispielsweise die WAZ-Gruppe in Branchenkreisen als SPD-nah, während die KirchGruppe und der ProSiebenSAT.1-Konzern eher dem konservativen Lager zugeordnet wurden. Dennoch dürfte das Engagement der WAZ, die es schon lange ins Fernsehgeschäft zieht, kaum auf politischen Widerstand stoßen. Schließlich könnte so verhindert werden, dass die KirchMedia-Investoren Silvio Berlusconi oder Rupert Murdoch die Kontrolle übernehmen.

Der Commerzbank-Vorstand hatte am Dienstagabend grünes Licht für ein mögliches Angebot gegeben. Grundvoraussetzung sei die Gründung des neuen Unternehmens als Aktiengesellschaft, sagte Hartmann am Mittwoch.

Bevor die Übernahme konkretisiert werden kann, muss allerdings das Münchner Amtsgericht das am 8. April beantragte Insolvenzverfahren offiziell eröffnen. Nach Angaben eines Gerichtssprechers ist ein Termin dafür noch nicht absehbar. Er widersprach damit Berichten, wonach die Eröffnung unmittelbar bevorsteht.(APA/dpa)

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