Loya Jirga

10. Juni 2002, 16:19
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Seit 18. Jahrhundert traditionelles Forum zu Krisenbewältigung in Afghanistan

Kabul - Die Loya Jirga (Große Ratsversammlung) ist in Afghanistan seit dem 18. Jahrhundert ein traditionelles Forum zur Krisenbewältigung. Dieses Mal kommen etwa 1600 Repräsentanten - Vertreter der Volksgruppen der Paschtunen, Tadschiken, Usbeken und Hazara sowie Islamgelehrte und Intellektuelle - ab Montag in der Hauptstadt Kabul zusammen, um Weichen für die Zukunft des Landes zu stellen.

Die Loya Jirga löst Streitfragen traditionell durch Debatten. Diese können Tage oder auch Wochen dauern, bis jeder seine Meinung vorgetragen hat und ein Konsens gefunden ist. Einigen sich die Delegierten nicht, wird in einer Abstimmung entschieden.

Die 381 afghanischen Dorfräte stellen diesmal 1051 Abgeordnete. Sie wurden in den vergangenen Wochen in zwei Phasen bestimmt. Zuerst entsandten die Dörfer Delegierte zu Bezirksversammlungen, dort gab es dann Abstimmungen über die Abgeordneten.

Zusätzlich wurden etwa 480 Mitglieder der Loya Jirga ernannt, um sicherzustellen, dass die Flüchtlinge in Pakistan und Iran ebenso vertreten sind wie Religionsgelehrte, Intellektuelle und die religiösen Minderheiten der Hindus und Sikhs.

Zu den ernannten Delegierten zählen auch 160 Frauen und 53 Vertreter der Übergangsregierung von Hamid Karsai. Karsai kündigte außerdem an, noch zusätzliche Delegierte zuzulassen, um regionale Machthaber wie Gouverneure aufnehmen zu können.

Die Loya Jirga wird traditionell vom Staatsoberhaupt einberufen und berät in entscheidenden Phasen der Geschichte des Staates über Fragen der Verteidigung, Unabhängigkeit, der Friedenssicherung, der Staatsführung und der gesellschaftlichen Entwicklung.

Die erste Loya Jirga trat 1747 unmittelbar nach der Gründung des Staates Afghanistan zusammen. Die Delegierten ernannten damals den Paschtunen Ahmed Shah Durrani zum ersten afghanischen König. Er ist ein Vorfahr des bisher letzten Königs Afghanistans, Mohammed Zahir Shah (87). Er war 1973 gestürzt worden und kehrte im April aus dem Exil zurück. Zahir Shah soll die Loya Jirga eröffnen.

Die bisher letzte Loya Jirga fand 1990 unter dem pro-sowjetischen Machthaber Najibullah statt, nachdem die Rote Armee Afghanistan verlassen hatte. Dabei wurden Verfassungsänderungen zur Einführung eines politischen und wirtschaftlichen Pluralismus beschlossen. Najibullah gelang es jedoch durch die Zugeständnisse an seine streng religiösen Gegner nicht, den Bürgerkrieg zu beenden und seine Entmachtung 1992 abzuwenden. (APA/dpa)

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