Deutsche Gretchenfrage

8. Juni 2002, 18:09
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Die Antisemitismus-Debatte ist notwendig und erfrischend - auch für Österreich

Die von Jürgen Möllemann und Martin Walser ausgelöste Antisemitismus-Diskussion in Deutschland erscheint vielen als überflüssiges Medienspektakel. In Wirklichkeit ist es eine notwendige und erfrischende Bestandsaufnahme über den geistig-moralischen Zustand des Landes und sein Verhältnis zu sich selbst.

Auch 57 Jahre nach Kriegsende bleibt der Naziterror und vor allem der Holocaust das prägende Ereignis der deutschen Geschichte. "Wie hältst du's mit der Judenvernichtung?", ist die Gretchenfrage für jeden, der am Tatort des Verbrechens zu historischen, politischen oder moralischen Themen Stellung nimmt.

Das gilt für den Schriftsteller Martin Walser. Er huldigt einer nationalkonservativen Ideologie, die einst dem Nationalsozialismus den Boden bereitet hat, und rechnet in seinem jüngsten Roman mit einem Mann ab, der weder Friese noch Bayer ist, sondern einer der letzten Vertreter der deutschsprachigen jüdischen Intelligenz, die mit Zustimmung von Walsers geistigen Ahnen vernichtet wurde. Einen solchen Autor des Antisemitismus zu verdächtigen ist zulässig - auch wenn das Urteil nicht eindeutig ausfällt.

Das gilt ebenso für jene Kritiker Israels, die das - oft fragwürdige - Vorgehen der Sharon-Regierung gegen palästinensischen Terror mit einer radikalen Wortwahl verurteilen, die weder für den Tschetschenien-Krieg noch für andere brutale Menschenrechtsverletzungen der vergangenen Jahre zur Verwendung kam. Wenn ein Vertreter einer etablierten politischen Partei, die auf der Jagd nach den 18 Prozent auch ein wenig im Teich der Altnazis und Jungrechten fischen will, einen solchen Demagogen an die Brust nimmt und dann den bekanntesten Vertreter der jüdischen Gemeinde Deutschlands für die Emotionen verantwortlich macht, die er selbst schürt, dann sind hier erneut Hitlers Enkelkinder am Werk, die sich vom Schatten des monströsen Großvaters nie ganz lösten. Gerade die lautesten Rufer nach einem "Schlussstrich" unter die NS-Debatten können nicht aufhören, mit alten Vorurteilen und neuen Gehässigkeiten Politik zu machen.

Das bedeutet nicht, dass jede Kritik am Verhalten eines Juden oder Israelis bereits Antisemitismus darstellt. Aber die Welt kann von Deutschen verlangen, dass sie vor einer solchen Aussage kurz innehalten, ihre eigenen Motive hinterfragen und mögliche Missverständnisse überlegen. In den USA wird eine solche Selbstzensur gegenüber Schwarzen und anderen Minderheiten von Vorgesetzten, Lehrern und gewöhnlichen Bürgern gefordert. Als "political correctness" desavouiert, trägt sie trotz latentem Rassismus zu einer Zivilisierung des öffentlichen Lebens bei.

Gleichzeitig ist es legitim, wenn Deutsche die Grenzen des Sag- und Machbaren testen, wenn ein Buch wie "Tod eines Kritikers" veröffentlicht wird und ein scharfzüngiger Rhetoriker wie Michel Friedman nicht als unangreifbar gilt. Das Gute an der deutschen Debatte ist, dass tatsächlich die Natur und Grenzen des Antisemitismus diskutiert werden und eine Heerschar von Intellektuellen und Publizisten Stellung bezieht - manche, wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu Walsers Buch, auf ungewohnter Seite. Selbst Möllemanns verbaler Amoklauf kann kritisiert werden, ohne dass der Mann und seine Partei gleich ins rechtsextreme Lager gestellt werden. Reich-Ranicki und Friedman sind keine armen Opfer, sondern wissen sich mithilfe der Medien gut zu wehren.

Österreich erlebte eine solche konstruktive Vergangenheitsdebatte in der Waldheim-Ära. Im Schatten des Polarisierers Jörg Haiders aber ist eine intelligente Auseinandersetzung unmöglich geworden, wie die "Dreck am Stecken"-Affäre vom Wiener Wahlkampf im Vorjahr gezeigt hat. Antisemitische Rülpser wurden zum emotionsgeladenen Politikum, blieben aber ohne Folgen. Die täglichen Verstöße der Krone gegen alle zivilisatorischen Normen werden zwar bedauert, aber hingenommen. Die deutsche Debatte ist daher auch für dieses Land ein Glück. (DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.6.2002)

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