Was du nicht siehst

8. Juni 2002, 16:58
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Die Fotografin Christine de Grancy über Beschleunigung, Beharren und die Frage der Wahrhaftigkeit

Sie bezeichnet sich als heimatlos, dafür sucht sie Heimaten, wo andere nur Exotik vorfinden. Christine de Grancy, vor 60 Jahren in Brünn geboren, in Graz aufgewachsen, ist zunächst in Wien als Fotografin bekannt geworden, als Teilnehmerin an einer Künstlergeneration im Aufbruch. Doch es hielt sie hier nicht lange, ihre Ziele lagen überall dort, wo nur Gerüchte herdrangen, keine Gewissheiten. Diese bietet auch die Fotografie letztlich nicht, aber sie versucht es zumindest asymptotisch: ohne sich aufzudrängen (eine stille Leica ist dabei von großem Nutzen), dafür mit um so genauerem Blick: "Ich seh ich seh was du nicht siehst" sei ihr Lieblingsspiel, sagt Freund und häufiges Sujet André Heller. Nun zieht de Grancy eine Zwischenbilanz: im Wiener Foto-Schauplatz WestLicht, wo ihr eine Ausstellung mit Schwerpunkt Afghanistan gewidmet ist, und im Gespräch mit dem ALBUM.

Wie sehen Sie die immer eingeschränkteren Möglichkeiten Ihrer Art von Foto- grafie?
de Grancy: Mit einer Mischung aus Schmerz und Gelassenheit. Für das tiefe Eingehen in Erzählerisches hat man heute keine Zeit mehr. Das ist eine Ausdruck unserer Befindlichkeit, die Frage ist, was man eigentlich noch genießt.

Was genießen Sie noch?
de Grancy: Das, was ich beharrlich und völlig altmodisch tu. Ich möchte durch gelegentliche Aufträge frei sein für die Dinge in der Fotografie, die ich liebe. Ob mir das gelingt, frage ich mich als Freiberufler jedes Jahr. Ich versuche, ohne Sponsoren zu arbeiten - in Russland stand ich dann, nach einer kleinen Unterstützung durch den österreichischen Staat, mit einem halbfertigen Projekt über das dortige Leben da und musste mit eigenen Ressourcen weitermachen.

Welche Fotoarbeit interessiert Sie am meisten?
de Grancy: Ich möchte in verschiedene Facetten unserer Wirklichkeit hineinschauen. Bei Elias Canetti war ich genau so aufgeregt wie beim Hinabsteigen mit einem Bergmann in seinen Stollen. Bei beiden möchte ich sehen, wie sie ihr Leben meistern. Und genau dafür soll man sich Zeit nehmen.
Für diese Haltung muss man, gerade bei heutigen Redaktionen, beharrlich geradestehen.
de Grancy: Und zwar nicht erst, wenn man "bekannt" ist, wie das Studenten vor kurzem einmal zynisch gemeint haben. Ich habe sie gefragt: Wann fängt denn die Wahrhaftigkeit an?

(DER STANDARD, Printausgabe, Album, 8.6.2002)
Interview: Michael Freund
Tipp
Christine de Grancy, An Ort und Stelle. Kuratiert von Regina Anzenberger und Franz Hubmann. Von 11. Juni bis 4. August. WestLicht. Schauplatz für Fotografie, Westbahnstraße 40, 1070 Wien; Di-Fr 14 bis 19 Uhr, Do bis 21 Uhr, Sa und So 11 bis 19 Uhr.

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