Neue Erkenntnisse im Nitrofen-Skandal

8. Juni 2002, 16:22
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Getreidelieferung aus verseuchter Halle schon Wochen früher - Eilbericht nach Brüssel soll Sanktionen gegen Deutschland verhindern

Berlin - Mit neuen Erkenntnissen im Nitrofen-Skandal hofft die deutsche Regierung, das Rätsel um eine eventuelle zweite Quelle der Belastung von Öko-Getreide zu lösen und ein Einschreiten der EU-Kommission abzuwenden. Wie das Verbraucherministerium am Samstag mitteilte, wurde aus der verseuchten Lagerhalle in Malchin bereits mehrere Wochen früher als bisher bekannt Futtergetreide ausgeliefert, was die Belastung von Putenwürstchen erklären könnte. Nach Beratungen mit den Ländern soll am Sonntag ein Eilbericht nach Brüssel gehen.

Die EU-Kommission will laut Verbraucher-Staatssekretär Alexander Müller am Montag die Angelegenheit erörtern. Dem "Spiegel" zufolge erwägt sie, drastische Sanktionen zu verhängen und das Angebot von Öko-Lebensmitteln aus deutscher Produktion europaweit zu sperren. Dies hätte katastrophale Auswirkungen für die deutsche Öko-Landwirtschaft, schrieb das Nachrichtenmagazin, da eine Sperre Monate dauern könne und viele Bio-Bauern bis dahin bankrott wären.

"Konsequent und hart handeln"

Müller trat den Befürchtungen eines generellen Verkaufsverbots entgegen. Es sei nachzuweisen, dass Betriebe Nitrofen-frei seien und eine Reihe von ihnen beispielsweise nur eigenes Futter verwende. Dies verringere den Kreis auf die schon jetzt gesperrten 73 Betriebe, die möglicherweise verseuchtes Futter bezogen haben. Man wolle die EU-Kommission auf Grund der Länderberichte davon überzeugen, dass die bisherigen Maßnahmen wie Sperrungen und Rückholaktionen schon weitestgehenden Verbraucherschutz bedeuteten.

Müller betonte, sein Ministerium und die Kommission hätten das gleiche Interesse, nämlich sicherzustellen, dass die zuständigen Bundesländer alle notwendigen Maßnahmen für den Verbraucherschutz ergriffen. Im Verdachtsfall müssten die Länder in eigener Regie "konsequent und hart handeln" und aufklären.

Harte Maßnahmen

Von dem Ländertreffen am Sonntag erwarte er, dass gegebenenfalls harte Maßnahmen eingeleitet würden. Niedersachsen sei aufgerufen, Belege für eine zweite Quelle der Verseuchung beizubringen oder aufzuklären, ob nicht doch die jetzt entdeckte frühere Getreidelieferung Ursache für die belasteten Würstchen sei. Nach Müllers Darstellung haben erst die von Niedersachsen am Donnerstag geäußerten Spekulationen über eine zweite Quelle die EU-Kommission auf den Plan gerufen. (APA)

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