Das Ich als dramatisches Ensemble

8. Juni 2002, 15:05
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Carl Djerassi, der "Vater der Pille", im Gespräch über "intellektuelle Polygamie", den Prozess des Schöpferischen und Paul Klee als Lyriker

Carl Djerassi ist seit langem ein passionierter Sammler der Werke Paul Klees. Walter Grünzweig traf den "Vater der Pille" zu einem Gespräch über "intellektuelle Polygamie", den Prozess des Schöpferischen und Paul Klee als Lyriker.

Will Grohmann, Freund von Paul Klee und einer der besten Kenner seines Werkes, betont, dass sich der sehr zurückgezogen lebende Künstler fast ausschließlich bildlich ausdrückte. Selbst seine Briefe an die Eltern, so Grohmann, "enthalten keine Äußerungen, die die Sphäre des Privaten auch nur streiften"; die betonte Zurückhaltung, ja Unauffälligkeit, im Bereich der Biographie entspreche der Konzentration auf das Bildwerk. Da muss die Lyrik doch einen besonderen Stellenwert haben.

Carl Djerassi: Was mir sofort bei diesen Gedichten auffiel, war das Fehlen jeglicher Titel. Und das bei einem Autor, der fast jedem seiner mehr als 9000 Bilder einen Titel gegeben hat, und manchmal ganz außergewöhnlich komplexe! Das erinnert übrigens an den großen amerikanischen Lyriker Wallace Stevens - ein Meister der komplizierten Titel -, der im selben Jahr wie Klee geboren wurde und für den Klee die zentrale Erfahrung darstellte. Warum war es Klee so wichtig, seine Bilder auf diese Weise zu beschreiben, wenn die meisten seiner Kollegen, wie etwa Kandinsky, das fast nie getan haben?

Nun ja, wenn es sich bei diesen Titeln um Diskursivierungen handelt, so hat die Lyrik selbst aber doch ganz anderen Charakter. Diese Gedichte sind doch vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie der sonst so systematisch ausgesparten Subjektivität breiten Raum geben. Damit soll natürlich nicht behauptet werden, dass diese Lyrik als Quelle der Biographie dienen kann; vielmehr geht es um lyrische Diskurse der Subjektivität, die der Künstler hier praktiziert, ja vielleicht einübt.

Carl Djerassi: Einspruch! Das ist allzu große literaturwissenschaftliche Vorsicht, die für mich nicht gilt. Für mich als Klee-Enthusiasten sind viele dieser Gedichte genau das: biographische Hinweise - ja auch Bestätigung seiner intellektuellen Polygamie, einer der Gründe, warum ich selbst so ein leidenschaftlicher Klee-Sammler wurde.

Charakteristischerweise hielt Klee seine lyrische Produktion selbst vor seiner Familie geheim; die Existenz vieler Gedichte wurde erst nach seinem Tod entdeckt.

Carl Djerassi: Stichwort Tod - daran kann ich nochmals die biographische Dimension dieser Gedichte demonstrieren und wie unmittelbar auf seine Biographie bezogen ich sie lese. Schon in der zweiten Zeile des ersten Gedichts, "Denn ich wohne grad so gut bei den Toten", sagt viel über Klee als Person aus, wie übrigens die meisten prophetischen Zeilen. "Es tickt und tickt die Zeit,/ und die Feder ist schon eingetaucht." Diese Todesahnung im Alter von 26 Jahren drückt sich in Zeilen aus, die er genauso im Alter von 60 hätte schreiben können, als er - vor dem sicheren Tod durch Sklerodermie stehend - in zwölf Monaten die unglaubliche Zahl von 1253 Werken produziert hat.

Der Großteil der hier publizierten Lyrik stammt aus den Tagebüchern des jungen, lernenden Künstlers. Der Herausgeber, Klees Sohn Felix, betont, dass die Gedichte erst ihr "Eigenleben" erhielten, nachdem sie von der Fülle der anderen Tagebuchaufzeichnungen getrennt im vorliegenden Band vereinigt wurden, und dadurch "den Leser überrascht und gefangen nehmen."

Carl Djerassi: Natürlich auch durch Felix Klees Auswahl von Werken seines Vaters, die den Band illustrieren. Eines der darin aufgenommenen Werke ist sogar Teil meiner eigenen Sammlung.

Was mir auffällt ist die faszinierende Ritualisierung des Ichs, die in ihrer Intensität auf die jungen Expressionisten vorausweist, deren Zeitgenosse der bereits 1879 geborene Klee ja nicht ist: "Ich bin Gott / So viel des Göttlichen / ist in mir gehäuft, / dass ich nicht sterben kann. // Mein Haupt glüht zum Springen. // Eine der Welten, /die es birgt, / will geboren sein. // Nun aber muß ich leiden / vor dem Vollbringen." Das begegnet einem übrigens auch etwas peinlicher: "Stehe früh auf, zu säen. / Dein Weib schläft tief, laß es schlafen. // Erst mit den Früchten Deines Feldes / sollst Du Dich wenden an Dein Weib."

Carl Djerassi: Gleichzeitig gibt ihm die Lyrik jedoch auch die Möglichkeit einer kritischen und höchst zeitgemäßen Reflexion von "Individualität": "Mein Ich ist beispielsweise /ein ganzes dramatisches Ensemble, / da tritt ein prophetischer Urvater auf, / da brüllt ein brutaler Held. / ... Da tratscht die Tante Schwätz. Da kichert die Zofe Schlüpfrig. /Und ich schaue zu mit erstaunten Augen, die gespitzte Feder in der Linken."

Es geht aber nicht nur um Möglichkeiten der sprachlichen Erforschung von Subjektivität. Das Interessante sind die Parallelen im ästhetischen Verfahren zwischen Lyrik und Malerei. 1920 schreibt Klee, Kunst gebe "nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." Lessings Unterscheidung zwischen zeitlicher und räumlicher Kunst sei überbewertet; der Raum, als Prozeß verstanden, sei eine zeitliche Kategorie. Analog dazu scheinen mir viele der Gedichte gleichzeitig ironisch ihre Entstehung und ihr sprachliches Material zu reflektieren: "Augen / Brust / Lust / Nacht / gelacht / Schlaf / traf / Gesellen / bestellen / Bäumen / träumen / Herzensnacht..."

Carl Djerassi: Oder noch etwas gröber: "Freier / Leiber / Geleier / Weiber." Der Prozesscharakter steht beim Schöpferischen im Mittelpunkt, der Künstler vertraut dem Prozess der Konstruktion, die, wie bei der Malerei, erst im Werden ihre "Wahrheit" enthüllt: "Der Maler weiß sehr viel, aber er weiß es erst nachher." Dieser Hinweis Klees ist auch mir als Sammler wichtig.

E-bel / Ge-bel / Ha-bel / I-bel / Ka-bel / El-bel / Em-bel / En-bel / O-bel / Pe-bel / Ku-bel / Er-bel / Es-bel / Te-bel / U-bel / Vau-bel / We-bel / Ix-bel / Zet-bel". Wie die Malerei besteht auch die Schriftkunst aus Symbolzeichen, mit denen Kunstwerke geschaffen werden. CD: Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Büchlein ein interessanter Begleiter beim Besuch meiner Klee-Sammlung diesen Sommer in der Kunsthalle Krems sein könnte. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2002)

Tipp
Carl Djerassi, der "Vater" (nach eigenen Dafürhalten die "Mutter") der Pille, sammelt Paul Klee seit Jahrzehnten. Seine Sammlung wird in der Kunsthalle Krems zum ersten Mal in Europa präsentiert (15. Juni - 29. September 2002). Djerassis ersten beiden Romane, in der Welt der Naturwissenschaft angesiedelt, erschienen im Februar 2002 in einer Neuauflage unter dem Titel "Stammesgeheimnisse" beim Innsbrucker Haymon Verlag.
Paul Klee, Gedichte. Herausgegeben von Felix Klee. EURO 14,80/ 139 Seiten. Arche, Zürich 2001.

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