Harte Menschen irren nie

8. Juni 2002, 14:48
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"Hass-und-Moral-Amok-Mann" - Maxim Biller rechnet mit Deutschland ab

Schlappschwanz-Literatur" hat Maxim Biller im letzten Jahr die aktuellen dichterischen Hervorbringungen in deutscher Sprache genannt: Es sei eine Literatur, die einer heutigen "Meinungsdiktatur" und ihren Systemopportunisten entspreche, die Romane würden einige lahme Helden als Papierleichen in Szene setzen. Kunst aber müsse "schocken, mitreißen, aufwühlen", habe auf absoluter Entschlossenheit, "die letzten Fragen zu stellen", und auf moralischer Vorstellungskraft zu beruhen. In der Gegenwartsliteratur wer fe die Wirklichkeit nur lauter blasse Schatten, konstatiert Biller, der den anerkannten Chefeuphimisten ein großspuriges romantisches Hakenschlagen ankreidet.

Diese und andere Diagnosen, Beobachtungen, Thesen legt Maxim Biller nun in seinem sehr lesenswerten Deutschbuch vor, in dem Essays gesammelt sind, die viel Zündstoff für weitere Debatten bieten und gewiss keine Schlappschwanz-Texte sind. Sie gehen prononciert und pointiert von der Position des (als Junge in den siebziger Jahren aus der Tschechoslowakei zugewanderten) jüdischen Schriftstellers im heutigen Deutschland aus und nähern sich über diverse Ansätze immer wieder dem Leitmotiv des Grundsätzlichen, das Biller im zentralen Deutscher wider Willen offenlegt: Er leiste sich den Luxus der wahrheitsspendenden Generalisierung, mache sich einen Modell-Deutschen und kriege das Kotzen - es habe nämlich noch nie eine Nation gegeben, die "so lange, so ausdauernd, so konsequent Tränen über den Gräbern eines Volkes vergossen hat, das von ihr beinahe ausgerottet worden wäre". Hierauf setzt Biller einen seiner rhetorischen Konter: "Falsch. Die Deutschen haben wegen der toten Juden keine einzige Träne vergossen", es werde vielmehr eine "kalt und generalstabsmäßig" abgewickelte Große Lehre von der Vergangenheitsbewältigung, ein "Heiliger Holocaust" propagiert, der nicht zuletzt dazu diene, ein deutsches Nationalbewußtsein zu schaffen.

Wenn auch die provokante Draufsicht zuweilen plakativ erscheint und das Deutschbuch ein paar Interna voraussetzt, die südlich von Garmisch und Passau kaum bekannt sind, so gelingen dem entschlossenen Essayisten doch analytische Einblicke, die (nicht nur) deutsche Verhältnisse auf den Punkt bringen. Richtig erkennt Biller etwa einen herrschenden Fassadenschwindel im Kultur- und im Universitätsbetrieb, die vorgeblich Kritik und Originalität fördern: "als gesellschaftlich anerkannter Intellektueller da nicht wirklich anders als die anderen denken, sondern nur sprachlich so tun, als ob. Man muß großes Gewicht auf kleine Gedanken legen und dabei besonders euphemistisch-tautologisch sein". Machttypen wie Joschka Fischer wüssten, dass in "der Welt der Normalos, die sie infiltrieren wollten", immer nur die "verschwommene, verlogene Übereinkunft" zähle - dass er das "direkte Wort"scheue, das gilt für Biller selbst gewiss nicht.

Die meist knappen Skizzen stützen sich auf kluge Analysen, die sich von sanktionierten Standards nicht aufhalten lassen, und auf wuchtige Formulierungen: "das deutsche Bewältigungs-Stakkato, gegen dessen psychologisches Grundmuster Bettnässerei eine hochkomplexe Neurose ist". Derart stellt sich Biller forsch gegen die "unbeweglichen" deutschen Intellektuellen. Seine Übertreibungen gehen dabei gelegentlich ins Leere; seinen Ansprüchen kann er selbst nicht durchgehend gerecht werden, wie der schwache Text über Berlin zeigt. Insgesamt aber schafft er es tatsächlich "mitzureißen" und wenn auch nicht "die letzten", so immerhin wichtige unbequeme, wenig gehörte Fragen zu stellen. Ob er aus einer zufällig ausgesuchten ostdeutschen Stadt berichtet oder aus dem Dorf Ernst Jüngers und von dessen "literarischer Leibeigenen-Philosophie", ob er München und Hamburg seiner scharfen Zunge aussetzt oder die Politiker Brandt und Schröder, ob er Medienpromis auseinandernimmt oder Künstler wie den Maler Jaroslav Kafka respektvoll porträtiert, ob er Martin Walser zerzaust oder mit Henrik M. Broder spricht, ob er eindringlich über seinen Moskauer Onkel oder über Israel (Nächstes Jahr in Tel Aviv) schreibt - fast alle Essays sind von einem starken Gestus der Erregung getragen. Dieser fordert eine politisch-kritische Haltung ein, gewinnt auch Alltäglichkeiten politische Bezüge ab und bedeutet zugleich in alle Richtungen, dass ohnehin dauernd alle, insbesondere die Deutschen, auf dem falschen Fuß stehen. Trotz der Verallgemeinerungs-Sätze von seiner - selbstgerecht bis selbstironisch changierenden - Warte der Überlegenheit herab fordern Maxim Billers "Haß- und Moralvorlesungen" zu differenziertem Weiter-Denken heraus, das den heute verstärkt grassierenden Diskurs der Bipolarität hinter sich lassen möge.

(Von Klaus Zeyringer/ DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2002)

Maxim Biller, Deutschbuch. EURO 12,90 Euro / 335 Seiten. dtv, München 2001.

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