Der Stärkere wird sich erinnern

8. Juni 2002, 14:41
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Stefan Beuse schickt einen Werbetexter auf die Suche nach verdrängten Seminarerfahrungen

Winter mußte geträumt haben, denn ohne daß er es bemerkt hatte, war er in die falsche Richtung gefahren". Bücher, die so beginnen, versprechen, dass die falsche Richtung im Grunde die richtige ist. Meist schlägt das Unbewusste gerade unerwartet zu und öffnet sich eine dunkle Seitenfahrbahn, auf der man spannungstechnisch einige Entgleisungen erwarten darf.

Entgleisungen und Kollisionen, die allerdings nur fast stattfinden, sind die Spezialität von Stefan Beuse, der mit seinem ersten Roman Kometen (2000), ein polyphones Verwirrspiel mit vielen Figuren und einigen Überschneidungen konstruiert hat. Poetologisch formuliert Beuse, Jahrgang 1967, sein literarische Credo sehr augenblicksorientiert: "Schreiben hat für mich etwas extrem Fotografisches, denn auch da hängt alles davon ab, den rechten Moment zu erwischen, der Wirklichkeit einen Augenblick abzuschauen, der sozusagen im luftleeren Raum für sich stehen kann, als ein großes Bild des Lebens".

Würde man die Bücher von Beuse als Fotoalbum sehen, dann wäre auffällig, wie sehr beim Einkleben Wert auf die leeren Stellen gelegt wird. Lieber ein paar Bilder weglassen, bevor die Geschichte zu rund wird. Beuse liebt Geheimnisse, die auch Geheimnisse bleiben sollen. Trotzdem ist Die Nacht der Könige im Vergleich zu Kometen ein sehr geschlossenes Buch geworden. Winter, ein Werbetexter, dessen Psychosomatik nicht nur gerne mit Atemproblemen zuschlägt, will noch schnell einen Routineauftrag erledigen, bevor er in seinen verdienten Urlaub am Meer aufbrechen wird. Seine Frau wartet bereits auf ihn. Aber schon beim ersten Zusammentreffen mit seinem Auftraggeber Korff überkommt ihn eine bekannte, längst vergessen geglaubte körperliche Übelkeit. Als Korff dann noch sagt: "Der Stärkere wird gewinnen", dämmert Winter, dass eine alte Jagd erneut begonnen hat. Doch wer ist das Opfer, wer der Täter?

Das klassische Männerduell wird bereichert um eine rätselhafte Frau, die Lilly heißt, die geistesabwesende Assistentin Korffs ist, und mehr und mehr Auslöserin von Erinnerungen wird, die Winter, "wie Raubvögel" umkreisen. Wie war das eigentlich damals bei diesem Seminar im Wald, was hat es mit dem "Gesetz des Starken" auf sich, ist derjenige, der die obskuren Videoaufnahmen von einer sektenähnlichen Gruppe im Wald macht, die ihm von Lilly zugespielt werden, womöglich sogar er selbst?

Beuse, selbst ehemaliger Werbetexter, hat seine Lust daran, souverän mit Suspense und klassischen Motiven, fast möchte man sagen, des Film noir, zu spielen (Gedächtnisverlust, eine schöne, mysteriöse Femme fatale, eine knallharte Wirtschaftswelt), denen er einen witzigen aktuellen Dreh verpasst. Die einzelnen Bilder sind stark, der Lesefluss so packend, dass man das Buch in einem Zug durchliest. Um beim Film zu bleiben: Hitchcock ist Beuse aber keiner, eine Spannung schraubt sich hoch, die das Buch aber letztendlich nicht einzulösen imstande ist, denn meist weiß man als Leser schon viel früher als Winter, was Sache ist. So bleibt einem nur die Rolle des wohlwollenden Psychiaters, anstatt involvierter Komplize zu werden. (Von Karin Cerny/ DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2002)

Tipp
Stefan Beuse, Die Nacht der Könige. EURO 18,40/212 Seiten. Piper, München 2002.

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