Das traurige Glück der Liebe

8. Juni 2002, 14:29
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Ein unvollendet gebliebener Roman der wiederentdeckten Madeleine Bourdouxhe

So viel Anfang ist selten. Da sitzen die miteinander befreundeten Schulabgänger im Café "Diable au Corps" beisammen und offenbaren sich ihre großen Träume. Fran¸coise und Thérèse sind gespannt auf ihre Aufnahmeprüfungen und den Wechsel zur Universität, Daniel drängt es zum Dichten, Luc träumt von der See, Jean von den Frauen. Alle haben sie unklare Vorstellungen und pathetische Gedanken von der kommenden großen Zukunft. Doch es dauert nur Wochen, bis die Wirklichkeit sich in die Lebensentwürfe eingeschlichen hat, die Träume von der Zukunft zu vergangenen Sehnsüchten werden.

Die im deutschen Sprachraum seit einigen Jahren mit Enthusiasmus wiederentdeckte, belgische Schriftstellerin Madeleine Bourdouxhe zeigt in ihrem Erstling Vacances, den sie mit Ende zwanzig verfasste, viel Zärtlichkeit für die Figuren, doch ebensoviel Realitätssinn. Von einer Veröffentlichung des Buches sah sie dann erst einmal ab, weil sie das Manuskript Mitte der dreißiger Jahre weglegte zugunsten der Arbeit am Roman Gilles Frau , den sie dann 1937 auch als erstes Buch veröffentlichte und der sie zur gefeierten Debütantin in der literarischen Szene machte. Bourdouxhe selbst, so Faith Evans im Nachwort, hat ihren "wahren" Erstling nichtsdestotrotz gerne gemocht, weil er eine Reminiszenz ans ihre "Jeunesse" an der Brüsseler Universität darstellte, und sie hat ihn noch für die Gesamtausgabe ihrer Werke empfohlen, bevor sie 1996 in hohem Alter in Brüssel starb.

Und es ist tatsächlich ein reizvolles Buch. Zwar fällt es leicht, die Mängel in Vacances auszuspielen gegen die schlichte, wuchtige Kraft von Gilles Frau - da wäre neben dem provisorischen Schluss die Tatsache, dass der Autorin im Gang der Handlung plötzlich einige Figuren aus dem Blick geraten. Dennoch ist es verblüffend, wie scheinbar leichthändig viele nachhaltig beeindruckende Szenen entworfen werden. Die zentralen Motive der weiteren Bücher sind dabei bereits angelegt: von der stark ausgeprägte Sinnlichkeit der Protagonisten, ihrem Abtauchen der Figuren in eine Phantasiewelt, ihre Sehnsucht nach Schlaf, die der Todessehnsucht gleichkommt, bis hin zum Selbstmord, den hier der mit deutlich weiblichen Zügen geschilderte Held Daniel verübt.

Die Affäre zwischen Fran¸coise und Jean, die das Geschehen zunehmend dominiert, liest sich wie eine Vorstudie zu Bourdouxhe Romanen über hingebungsvolle Frauen und Paarbeziehungen, neben Gilles Frau auch Auf der Suche nach Marie . Fran¸coises erotische Faszination gegenüber Jean schlägt rasch um in Liebe, gepaart mit einer völligen Hingabe und dem Wunsch, das Leben durch seine Augen wahrzunehmen, während Jean umgekehrt Gefallen daran findet sich von ihr "lieben zu lassen", wie es im Buch heißt. Daher stellt es für Fran¸coise nicht zwingend ein Unglück dar, als alle ihre ehrgeizigen Pläne sich zerschlagen, als sie schwanger wird und wider erwarten, anstatt an der Universität zu bleiben, ein frühes häusliches Leben mit Jean beginnt. Das Talent zu lieben überdeckt bei Fran¸coise die innere Leere, die das Wortspiel "Leere" - "Ferien" im französischen - "vacance/vacances" - im Buchtitel hinweist. Wie brüchig dieses Glück ist, wie leicht die Zuneigung den Liebenden entzogen werden kann, zeigen die späteren Romane dieser großen Autorin.

(Von Silke Scheuermann/ DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2002)

Madeleine Bourdouxhe, Vacances - Die letzten großen Ferien. Aus dem Französischen von Monika Schlitzer, mit einem Nachwort von Faith Evans. EURO 17,40 /152 Seiten. Piper, München 2002.

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