Worte machen Politik

8. Juni 2002, 14:07
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Nicht nur für Sprachwissenschafter: Ein Sammelband beleuchtet die Regeln des politischen Diskurses

Flüchtlingswelle? Lebensministerium? Nullwachstum ? - Politische Sprache ist mehr als ein bloßes Mittel zum Zweck, sie ist ein sorgfältig geschärftes Instrument, das im vorliegenden Band Politische Konzepte und verbale Strategien zum wissenschaftlichen Erkenntnisobjekt wird. Oswald Panagl, Professor für Sprachwissenschaft in Salzburg und Leiter der AG "Sprache und Öffentlichkeit" in der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG) und sein Mitherausgeber Horst Stürmer, Verlagslektor und Linguist, fassen darin die Beiträge eines Kolloquiums zusammen, das im Dezember 1999 von der ÖFG veranstaltet wurde.

Der Begriff der Verbalstrategie ist dabei Kurt Salamun entlehnt, der 1988 unterschiedliche Stilmittel der politischen Sprache wie etwa Euphemismus, Metapher oder Leerformel sprachkritisch beobachtete und unter diesem Oberbegriff in die Diskussion einbrachte. Inhaltlich spannt sich ein weiter Bogen, der Beiträge mit historischer Themenstellung ebenso umfasst, wie den reflektierten Vergleich zwischen Österreich und Deutschland - stammt doch die Mehrzahl der AutorInnen aus der "scientific community" der Sprachwissenschaft Deutsch-lands.

Zwei historisch orientierte Untersuchungen über den Wandel des Heimatbegriffes und die Absorption jüdischen Diskurses im politischen Sprachgebrauch der europäischen Linken leiten den Reigen ein, der sich in der Folge um zwei große Pole dreht: Im ersten Hauptteil des Buches mit der Überschrift "Fahnenwörter und Diskursrituale - Semantische Perspektiven" geht es um die Besonderheiten der Wortbildung politischer Sprache, die Grenzen der Möglichkeit, die Bedeutungsentwicklung "brisanter Wörter" eindimensional zu beeinflussen oder Sprachthematisierungen als strategisches Argument, das heißt den Vorwurf des falschen Sprachgebrauchs beim politischen Gegner.

Nicht nur der Politiker, auch der Adressat rückt ins Blickfeld, wenn Methoden zur Akzeptanzanalyse politischen Sprachgebrauchs vorgestellt werden. Die Karriere des Begriffs "Globalisierung" schließlich legt den Schluss nahe, dass Wortbedeutungen im Diskurs ausgehandelt werden.

Der zweite Hauptteil des Buches widmet sich unter dem Titel "Bauten, Strömungen, Freund-und Feindbilder - Metaphorische Einblicke" dem weiten Feld politischer Sprachbilder aus unterschiedlichster Perspektive: vom NATO-Diskurs über eine kritische "Tropologie des Historischen und Politischen" bis zu den Metaphern der Zwischenkriegszeit, die sich in der Form der Wassermetapher (Strom, Flut) auch an der österreichischen und deutschen Gastarbeiter- und Asyldiskussion der jüngeren Vergangenheit darstellen lässt.

Ein ausführlicher Anhang mit Literatur- und Autorenverzeichnis sowie Personen- und Sachregister erleichtert das Anknüpfen und Weiterforschen. Hat man sich in die teilweise sehr fachspezifische Sprache eingelesen, ist das Buch nicht nur für SprachwissenschafterInnen interessant, sondern für jeden, der die Regeln des politischen Diskurses besser verstehen will. (Von Hedwig Kopetz/DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2002)

Tipp
Oswald Panagl, Horst Stürmer, Politische Konzepte und verbale Strategien. EURO 45,50/ 400 Seiten. Peter Lang, Frankfurt/Main 2002.
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