"Eine kleine Art, die über Nacht groß geworden ist"

7. Juni 2002, 21:56
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Star-Genforscher Eric Lander zieht unerwartete Schlüsse aus der Genom-Forschung - ein STANDARD-Interview

Eric Lander hat wie Craig Venter seinen sicheren Platz in der Wissenschaftsgeschichte. Den beiden US-Amerikanern ist die Sequenzierung des Humangenoms zu verdanken. Lander, Direktor des Whitehead Institute for Genome Research und Mathematiker am Massachussetts Intitute of Technology, hatte maßgeblichen Anteil am öffentlichen Human Genome Project, das mit Venters (nunmehriger Ex-)Firma Celera im Wettlauf stand. Den großen Nutzen für die Biomedizin erwartet Lander entgegen herrschender Euphorie erst für unsere Enkel, erklärt er im ALBUM-Interview mit Roland Schönbauer.

Was haben wir von der Sequenzierung des Humangenoms?

Lander: Wir kennen jetzt alle Komponenten, alle 30.000 Gene.

Aber wem hilft das?

Lander: Das ist nicht gleich umlegbar in Therapien für bestimmte Krankheiten, aber umsetzbar in Form von Forschungsinstrumenten für Zehntausende Forscher, die über Herzkrankheiten, Krebs oder Bluthochdruck arbeiten. Sie können das viel zusammenhängender tun.

In welchem Sinn?

Lander: Nehmen wir Krebs: Über Jahrzehnte hat man ihn studiert, indem man erforscht hat, wie er unter dem Mikroskop aussieht - von mir aus im Bezug auf ein, zwei Gene. In den letzten paar Jahren ist es möglich geworden, Krebs als Aktivität in 30.000 Genen anzusehen. Und wir haben so sehen können, dass sich hinter einer mutmaßlichen Krankheit drei verschiedene getarnt haben.

Was bringt das?

Lander: In den nächsten 50 Jahren wird das weitreichende Auswirkungen für unsere Enkel haben. Wir sollten aber nicht den Eindruck erwecken, dass das in den nächsten vier, fünf Jahren die Gesundheit der Leute verändern wird.

Lassen Sie mal Ihrer Fantasie freien Lauf: Wie wird die revolutionierte Medizin dereinst konkret aussehen?

Lander: Weniger für unsere Kinder als für unsere Enkel würde ich guten Gewissens vorhersagen, dass Krebs eine weitgehend behandelbare Krankheit sein wird. Wir werden heraus finden, wo ein bestimmter Krebstyp seine Achillesferse hat. Und jeder hat eine, für die wir dann noch den Pfeil finden müssen, ein Medikament, das Tumor-, aber nicht normale Zellen umbringt.

Auch glaube ich, dass wir Präparate entwerfen werden zur Vorbeugung der mehr degenerativen Krankheiten. Nicht zur vollständigen Prävention, aber immerhin. Wir wissen etwa aus der Genetik, dass Alzheimer mit dem Zusammenspiel bestimmter Eiweiße zu tun hat. Pharmafirmen hilft das, den Prozess durch Einsatz bestimmter Moleküle zu verlangsamen. Dann bekommen die Menschen Alzheimer statt mit 60 oder 70 Jahren vielleicht mit 120.

Ist Eric Lander also doch ein Optimist?

Lander: Langfristig schon, kurzfristig bleibe ich Realist.

Also ist kurzfristig keine Revolution der Medizin zu erwarten, wie oft behauptet - Stichwort jedem sein individuelles Medikament?

Lander: Halt, halt! Ich spreche hier sehr wohl von etwas Revo- lutionärem. Ich spreche davon, dass wir erstmals Präparate gegen die tatsächlichen Ursachen der Krankheiten bekommen. Das tun wir heute höchst selten - meistens geht es noch um die Linderung von Symptomen. Eines der peinlichen Geheimnisse der Medizin des 20. Jahrhunderts ist ja, dass wir die eigentlichen Ursachen von Asthma, Bluthochdruck und Diabetes nicht kennen.

Was macht den Menschen zum Menschen - was für eine Antwort auf die alte Frage gibt die moderne Genetik?

Lander: Das ist eine schwierige Sache. Wir sind gut beim Aufspüren von Ähnlichkeiten zwischen Arten, wir können etwa zeigen, dass Gene bei Hefe und beim Menschen dieselbe Rolle für Zellteilung spielen. Aber wenn wir nach Unterschieden suchen, sind wir recht schlecht. Wir kennen etwa vier Millionen DNA-Sequenz-Unterschiede zwischen Schimpansen und Menschen. Aber wir haben keine Ahnung, auf welche und wie viele es ankommt. Wir haben nicht einmal die Methoden dafür.

Zwei Schimpansen in Afrika haben doppelt so viele Unterschiede wie zwei Menschen, zwei Orang Utans in Südostasien acht mal so viele. Wir sind eine kleine Art mit begrenzter Variation - ein Buchstabe von 1300 -, die über Nacht groß geworden ist.

Wie viele Stellen für genetische Varianten gibt es denn beim Menschen?

Lander: Vielleicht sechs oder sieben Millionen. Wir kennen die Hälfte; wenn wir in den nächsten paar Jahren alle kennen, können wir sie mit Krankheitsrisken in Verbindung bringen. Das gibt uns ein sehr starkes Werkzeug, um die Gen-Faktoren für Krankheiten besser zu verstehen.

Und um dem einzelnen, reichen Patienten seine ganz persönliche Gesundheitsprognose zu stellen.

Lander: Eben nicht. Das Ziel ist nicht, dem Einzelnen prädiktive Medizin zu bieten, sondern die Mechanismen zu verstehen. Daraus können wir Therapien entwickeln, die dann für alle klappen.

Was waren denn die größten neuen Rätsel, die sich Ihnen beim Entschlüsseln des Genoms aufgetan haben?

Lander: Während wir die tolle Befriedigung über das fertige menschliche Genom haben, sind wir mit unserer Ahnungslosigkeit konfrontiert über so viele Komponenten. Ich finde das gesund: Gerade wenn du dir auf die Schulter klopfst für das Abgeschlossene, dann merkst du, wie viele Überraschungen es gibt. Das ist sehr aufregend.

Zum Beispiel die angeblich nutzlose Junk-DNA?

Lander:Die offenbar alles andere als Müll ist. Wir beginnen erst zu verstehen, dass sie Funktionen hat ..

Das klingt so, wie wenn jemand zwar im Buch des Lebens zu lesen vermag, aber trotzdem immer mehr Respekt davor bekommt.

Lander: Das Buch des Lebens ist ein großer Klassiker: 3,5 Milliarden Jahre wurde daran geschrieben. Wir sind Kindergarten-Kinder, die diesen Klassiker lesen. Und verstehen ein klein wenig von der Geschichte darin. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in ein paar Jahren einem klassischen Text all seine subtilen Bedeutungen entlocken. Das ist der Respekt, den man bei der Lektüre braucht.

Der Klassiker ist umgeschrieben worden, umgeschrieben und wieder umgeschrieben - Hundertausende Generationen lang. Wir haben das gerade einmal überflogen. Und wir werden in den nächsten Jahrzehnten noch viel mehr darüber lernen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9. 6. 2002)

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