Litauens zweifacher Leidensweg

20. Oktober 2003, 12:35
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Die Hoffnung der Litauer auf ein neues nationales Leben, wenn auch unter dem Hakenkreuz, bliebt vergebens. Mit Kriegsende mussten sie die deutsche Gewaltherrschaft wieder gegen die nun noch verschärfte sowjetische eintauschen.

Sehr bald nach der Besetzung durch Hitlers Truppen wurden die drei baltischen Länder und Weißrussland in einem "Generalkommissariat Ostland" unter Leitung von Hinrich Lohse einer deutschen Zivilverwaltung unterstellt. Schon im Herbst 1941 begann die systematische Ausrottung der Juden; das alte Wilna war ein Zentrum ostjüdischer Geisteskultur gewesen, es galt als "Jerusalem des Nordens".

Schon unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen war es in Vilnius zu einem scheußlichen Massaker an der jüdischen Bevölkerung gekommen, das von der SS mit Hilfe freigelassener Zuchthäusler inszeniert worden war. Im Zuge der "Endlösung" wurde die 230.000 Menschen zählende jüdische Minderheit in Litauen nahezu ausgelöscht. An den Verfolgungen beteiligten sich auch litauische Kollaborateure, vor allem die Hilfspolizei Saugumas. Allerdings gelang es dem "Reichsführer SS" Heinrich Himmler - anders als in Lettland und Estland - nicht, eine litauische Waffen-SS-Truppe aufzustellen; die national geeinte Widerstandsorganisation hatte mit Erfolg einen Boykott organisiert.

Anfang 1944 bildete sie im Geheimen eine provisorische Regierung. Es gab im Land auch eine kommunistische Widerstandsbewegung, in der neben Litauern vor allem Weißrussen kämpften. Von der Hinrichtung der Partisanenführerin Soja Kosmodemjanskaja - postum zur "Heldin der Sowjetunion" erhoben - sind erschütternde Bilder erhalten geblieben.

Nach der Wiedereroberung durch die sowjetischen Truppen im Herbst 1944 wurde die Sozialistische Republik Litauen unter Leitung des litauischen KP-Chefs Antanas Snieckus wiederhergestellt. Das Memelland wurde der Sowjetrepublik angegliedert, hingegen wurde das nördliche Ostpreußen, einschließlich des vordem von den Nationalisten oft geforderten "Preußisch-Litauen" des Bezirks Gumbinnen eine russische Enklave. Hoffnungen des Widerstands auf einen Beistand des Westens zur Wiederherstellung eines freien Litauens erfüllten sich nicht. Die Russen hatten bis 1953 gegen eine antikommunistische Partisanenbewegung zu kämpfen; die Kämpfe forderten mindestens 40.000 Opfer. Die gewaltige Zahl von 350.000 Menschen wurde nach Sibirien deportiert; unter ihnen waren nicht mehr nur Intellektuelle, des politischen Widerstands Verdächtigte und rund ein Drittel des katholischen Klerus, sondern auch "Kulaken", die der sozialen Umgestaltung durch die Kollektivierung im Weg waren.

In den späten fünfziger Jahren wurde auch die Industrialisierung des Landes forciert, verbunden mit Zuwanderung von Russen (die aber nicht die Ausmaße in den beiden anderen baltischen Ländern annahm). 66.000 Litauer waren vor den zurückkehrenden Sowjets in den Westen, vor allem nach Amerika, geflohen, wo die dort schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts massenhaft Eingewanderten die Anhänglichkeit an die alte Heimat bewahrt haben. Insgesamt wird die Zahl der außerhalb des Heimatstaates lebenden Litauer heute auf eine halbe Million geschätzt. Viele von ihnen zeigen ihre Treue zur alten Heimat durch deren politische und materielle Unterstützung.

Die Daheimgebliebenen passten sich dem permanenten Druck an: 70 Prozent der Litauer wurden im Laufe der sowjetischen Herrschaft KP-Mitglieder, was viele nach den Lockerungen unter Chruschtschow freilich nicht hinderte, vor allem im Rahmen der Kirche ihre nationale Identität zu wahren. Der zunächst für die sowjetischen Teilrepubliken geltende Grundsatz "national in der Form, sozialistisch im Inhalt" ermöglichte die Pflege der Sprache und einer freilich den Gesetzen des "sozialistischen Realismus" unterworfenen Literatur, wie auch der Volkskunst und der folkloristischen Tanzensembles.

Widerstand äußerte sich seit Anfang der siebziger Jahre zunächst in den so genannten Samisdat-Publikationen, in deren Herausgabe vor allem katholische Kreise aktiv waren; Litauen verzeichnete die meisten Samsisdat-Veröffentlichungen in der ganzen Sowjetunion. Das bürokratische Breschnjew-Regime begegnete der wachsenden Dissidentenbewegung mit verstärkter Russifizierung. Die Zahl der Bücher in litauischer Sprache wurde systematisch gesenkt, Dissertationen durften nur noch russisch abgefasst werden. Die Selbstverbrennung eines Neunzehnjährigen in Kaunas als Ausdruck des Protestes (1972) hatte Demonstrationen von Tausenden jungen Menschen zur Folge, bei denen auch die Losung "Freiheit für Litauen" laut wurde. Polizei und Behörden antworteten mit verschärften Verfolgungen.

Die Dissidenten verstummten - aber als Gorbatschow "Glasnost" und "Perestrojka" als Grundlagen für eine Neugestaltung der Sowjetunion verkündete, brach hervor, was unter der Oberfläche der oppressiven "Stagnation" des Systems erloschen schien. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 6. 2002)

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