Villa Kunterbunt

7. Juni 2002, 20:28
posten

Ein großes Haus in einer Gartensiedlung fällt durch unkonventionelle Details auf

Es steht nicht in Taka-Tuka-Land, und Limonadenbäume wachsen auch nicht in seinem Garten, ansonsten hebt sich das Holzhaus am nördlichen Stadtrand von Wien genauso erfrischend wohltuend vom Üblichen ab wie Pippi Langstrumpfs Residenz vom Schrebergartenhaus aus dem Katalog.

Für den Wohnsitz einer Familie mit vier Kindern lautete die Vorgabe der Bauherren, möglichst ökologisch zu bauen. Gewünscht war ein Holzhaus, der reichhaltige Baumbestand des Gartens sollte nach Möglichkeit nicht zu Schaden kommen, und die Kinderzimmer sollten gleichwertig und nach Süden orientiert sein. Architekt Alexander Kubik brachte das umfangreiche Raumprogramm mit 220 Quadratmetern Nutzfläche in einem achtzehn Meter langen Baukörper unter. Um die doch gewaltige Länge optisch zu mildern, wurden Nord- und Südfassade um vier Grad genickt. Die äußere Verkleidung der mit Kokosfasern gedämmten Holzriegelkonstruktion besteht im Norden aus unbehandelten Lärchenbrettern und an den anderen Fassaden aus breiteren Sperrholzplatten, die mit einem farblosen Anstrich witterungsbeständig gemacht wurden.

Entlang der Nordfassade liegt im Wesentlichen die Erschließungszone des Hauses. Sie ist ungewöhnlich breit, daher auch vielfältig nutzbar und beugt Klaustrophobien, die bei stärkerem Personenaufkommen in engen Gangbereichen leicht auftreten können, vor.

Nach Süden orientiert liegen, zum Gang hin mit einer massiven Speicherwand abgetrennt, im Erdgeschoß ein großer Wohnraum mit offener Küche und darüber die Zimmer der einzelnen Familienmitglieder. Im Obergeschoß hat jedes Zimmer Zutritt auf einen der beiden breiten Balkone, deren Bodenplatte aus einem ungewöhnlichen Material - nämlich robusten Lkw-Böden aus phenolharzverleimtem Sperrholz - bestehen. Diesen geräumigen Freiflächen und überhaupt dem gesamten Haus gewährt ein auffälliges Dach Schutz.

Es besteht aus Trapezblechen, wie sie für Dächer von Industriebauten häufig verwendet werden, und wird an den Rändern von dünnen Stahlstützen getragen. Damit es etwas bewegte Leichtigkeit erhält, wurde es leicht gebogen, und die tragenden Holzleimbinder wurden zu den Enden hin verjüngt.

Blaue Fensterrahmen und einzelne, farbig gestrichene Wände sowohl außen als auch innen sorgen für bunte Akzente, die das große und in seiner Materialwahl unprätentiöse Haus durchaus verträgt. Besondere Blickfänge im Inneren sind das eigens entwickelte Edelstahlgeländer der Treppe sowie eine Nussholztür mit augenförmigen Schlitzen, die den Wohnbereich im Erdgeschoß vom Gang trennt.

Der unkonventionelle Familiensitz missachtet gängige Architekturmoden und ungeschriebene Gesetze. Materialien, Farben und Formen wurden bunt gemixt. Herausgekommen ist dennoch ein Haus von erstaunlicher Harmonie, das gut im Einklang mit der umgebenden Gartenlandschaft steht. (DER STANDARD, Printausgabe 8./9. 6.2002)

Von Franziska Leeb

Architekt Alexander Kubik, Halbgasse 12/Hof 1, A-1070 Wien, Tel. (01) 522 69 03

Share if you care.