Spider-Man & Co. in love

7. Juni 2002, 19:45
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Was können wir derzeit im Kino lernen? Nur menschliche Spinnen sind gute Spinnen. Dabei wäre auch eine tierische Lovestory zu erzählen gewesen.

Diese Geschichte kennt jeder: Erst lieben sich Herr und Frau Spinne voll Glut, doch kaum ist der Akt vollzogen, fasst sich das Spinnenweib den Liebhaber und macht ihm den Garaus. Tatsächlich kommt so ein Hochzeitskannibalismus nur bei wenigen der rund 30.000 bekannten Arten vor - allerdings auch bei etlichen der bei uns heimischen, großen Kreuzspinnen.

Doch es ist entschuldbar. Denn erstens haben Spinnen nur ein winziges Gehirn mit entsprechend eingeschänkter Wahrnehmungsfähigkeit: Alles, was nach Beute aussieht bzw. riecht, wird gepackt und gefressen - auch wenn's ein (bei den Spinnen immer kleineres) Männchen ist.

Zweitens steckt bei jenen Arten, wo das Fressen-und-gefressen-Werden artspezifischer Usus ist, ein biologischer Sinn hinter der vermeintlichen Grausamkeit: Das Körpereiweiß des verzehrten Gatten kommt nämlich dessen Nachwuchs zugute, weil das Weibchen so den befruchteten Eiern eine Extraportion Protein mitgeben kann.

Gegebenenfalls zeigen auch die Weibchen solch selbstlosen Opfermut: Bei manchen Arten dient die Mutter den Jungen nach deren Schlupf über längere Zeit als Nahrung, bis diese groß genug sind, selbst Beute zu machen.

Bei anderen Spinnenarten wiederum füttert das Muttertier die Jungen aktiv, indem sie diese von ihr selbst bereits aufgenommenen Nahrungsbrei von ihren vor der Mundöffnung gelegenen Klauen, den so genannten Celiceren, schlürfen lässt. Andere Arten lassen ihren Nachwuchs bei sich am Netz wohnen und locken ihn, wenn sich Beute gefangen hat, mit einem speziellen Zupfcode herbei.

Spinnenmütter ohne festen Wohnsitz wiederum tragen erst die Eier im Kokon mit sich und später dann auch noch den Nachwuchs. Wer im Sommer an Stellen, die als "Spinnensonnenbäder" geeignet sind, Ausschau hält, kann unter Umständen eine Wolfsspinnen-Mama - sie heißen gefährlich, sind aber klein und harmlos - mit ihrer Kinderschar beobachten: Die winzigen Spinnenkinder klammern sich geschickt an Mutters Hinterleib fest.

Doch bevor es Junge gibt, muss es Sex geben, und der ist bei Spinnen kompliziert. Vor allem die Spinnen-Herren haben in den rund 350 Millionen Jahren ihrer Evolution - so weit zurück sind fossile Spinnen nachgewiesen - bemerkenswerte Strategien entwickelt, hungrige oder auch nur reflexgesteuerte Damen vom Kannibalismus abzuhalten.

Hochzeitsmahl

Bei manchen Arten überbringt das Männchen ein Hochzeitsgeschenk, zum Beispiel eine hübsch eingesponnene Fliege, die Partnerin stürzt sich aufs Futter - und der Kavalier kann ohne Gefahr zur Sache kommen. Zugute kommt ihm dabei, dass Spinnen nur sehr langsam futtern können: Sie packen ihre Beute mit den Celiceren und injizieren damit ihr Gift. (Alle Spinnen sind giftig, aber nur ganz wenige Arten können auch dem Menschen gefährlich werden.) Das Gift dient auch als Verdauungssaft; die Beute wird vor der winzigen Mundöffnung verdaut, der Nahrungsbrei dann eingesaugt - und das braucht Zeit. Dafür hält so ein Mahl vor: Spinnen können sehr lange ohne Nahrung auskommen.

Andere Spinnenmänner setzen mehr auf sanfte Gewalt: Sie stürzen sich auf die Ehefrau in spe, spinnen in Windeseile ein kleines, kompaktes Netz über sie und fixieren sie so fürs gefahrlose Liebesspiel. Anderen Spider-Men wiederum wurden von Mutter Natur am bestimmten Körperstellen Panzer und Schutzpelze beschert: Da kann das Weibchen dann ruhig zubeißen, den Liebhaber stört es nicht.

Doch es gibt auch bei den Spinnen romantische Naturen: Spinnen sind zwar stumm, aber bei vielen netzspinnenden Arten zupft das Männchen eine Art Hochzeitslied auf den Netzfäden des Weibchens und versetzt so dieses und damit die Braut in positive Schwingungen.

Auch sonst hat die Paarung der Spinnen ihre Feinheiten. Das beginnt damit, dass das Männchen keineswegs mit einem penisähnlichen Organ zu Werke geht. Vielmehr deponiert es, bevor es auf Brautschau geht, einen Spermatropfen auf einem kleinen Seidennetz und nimmt diesen dann mit seinen Begattungsorganen am Hinterleib auf. Diese sind in der Regel sehr kompliziert gebaut, ebenso wie die Geschlechtsorgane der Weibchen. Männliche und weibliche Paarungswerkzeuge passen bei den jeweiligen Arten wie Schloss und Schlüssel ineinander - so wird verhindert, dass es zu Paarungen verschiedener Arten kommt.

Trotz ihrer komplizierten Liebe zählen die Spinnen zu den erfolgreichsten Tierarten. Sie haben so gut wie alle Lebensräume besiedelt, und manche Arten - zum Beispiel die prächtigen Winkelspinnen, die schon nach dem Wohnungswinkel heißen - haben sich sogar in der menschlichen Sphäre häuslich niedergelassen. Und das sollte uns recht sein: Denn die Angst, die wir vor ihnen empfinden, liegt nur in uns selbst. Hat die Spinne die Wahl, macht sie um uns einen großen Bogen - und bleibt lieber in ihrer eigenen Welt aus Seide, Stille und Liebe in Gefahr. (DER STANDARD, Printausgabe 8./9. 6.2002 )

Von Andrea Dee
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    Symbolbild

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