Der raue Hinterhof Venedigs

13. Mai 2005, 13:48
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Donna Leon fischt in trüben Gewässern

Donna Leon verlässt das glamouröse, schillernde und morbide Zentrum Venedigs und begibt sich an die Peripherie. In Pellestrina, einem winzigen Dorf knapp vor Chioggia wohnen nur Fischer. Es gibt keine Touristen und schicken Lokale, keine protzigen Palazzi und Souvenierläden. Stattdessen ausgeplünderte Muschelbänke, Fische in verseuchten Gewässern und zwei Leichen. Vater und Sohn, beide Fischer, wurden umgebracht und mit ihrem eigenen Schiff versenkt. Die mißtraurischen Einheimischen, für die schon ein Venezianer ein Fremder ist, halten eisern zusammen. Die Polizei erfährt nichts. Da kann Commissario Brunetti noch so hartnäckig herumfragen.

Mehr Erfolg verspricht sich da schon Elettra, die resolute und selbstbewusste Sekretärin der Questura, die rein zufällig in Pellestrina Verwandte hat. Da sie die ohnehin einmal im Jahr besucht, kann sie gleich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, in Pellestrina Urlaub machen und sich umhören. Brunetti ist von der Idee nicht begeistert. Er befürchtet, dass die attraktive Elettra in Gefahr sein könnte, falls ihre Tarnung auffliegt. Leon hat diesmal sorgfältiger gearbeitet als in etlichen ihrer vorangegangenen, allmählich wie am Fließband produzierten Krimis. Schon wie sie einleitend Dorf, Kirchgänger und Boote beschreibt, zeigt, dass sie ihre auflagenträchtige Routine ein wenig zu verlassen gedenkt.

Freilich reißt sie die hinter dem wunderbaren Sightseeing-Kulissen vorhandenen Abgründe nur an. Brunetti sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob man die vor Venedig gefangenen Muscheln überhaupt noch essen sollte. Wie kann man verhindern, dass die Fischer auch im Einzugsgebiet der Abwässer die die chemischen Fabriken produzieren, auf Beutefang gehen? Antwort: gar nicht, solange die Inspektoren diskret geschmiert werden. Und dass die Taucher der Carabinieri nicht verfügbar sind, weil sie anderswo gegen Cash ein paar Antiquitäten bergen, stimmt Brunetti auch nicht fröhlich, überrascht ihn aber keineswegs.

Leons atmosphärisch dichte Einblicke in den schmutzigen, rauen Hinterhof Venedigs sind nicht erfreulich. Und sie werden anscheinend resignativer. "Größere Ziele und Wünsche überließ er anderen, er selbst begnügte sich mit kleineren: eine glückliche Familie, ein anständiges Leben und das Bestreben, seine Arbeit so gut wie möglich zu tun. Es schien ihm wenig genug verlangt vom Leben, und so beschied er sich mit diesen Hoffnungen". - Soviel zur Seelenlage des wackeren Brunetti. (Ingeborg Sperl/DER STANDARD, Printausgabe)

Donna Leon
Das Gesetz der Lagune
Aus dem Amerikanischen von Monika Elwenspoek.

€ 20,50 /322 Seiten
Diogenes, Zürich 2002.
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