Das Wunder Strasser

7. Juni 2002, 19:12
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Ein Kommentar von Samo Kobenter

Ernst Strasser ist, kommunikationstechnisch betrachtet, das eigentliche Wunder der Regierung. Das veröffentlichte Bild des großen schwarzen Liberalen stimmt mit seinem Agieren im Innenministerium so wenig überein, dass sich die Frage stellt: Fällt diese Diskrepanz nicht auf, oder wird sie absichtlich übersehen? Vielleicht verfügt Strasser ja über eine mediale Zauberformel, die in den Augen der Öffentlichkeit selbst den unverschämtesten Durchgriff wie ein zartes Handauflegen erscheinen lässt. Die roten Beamten, die das zu spüren bekamen, dürften lange kopfwackelnd durch die Gegend irren.

Seinen Spruch, das Innenministerium sei rot-weiß-rot, hat Strasser selbst längst widerlegt. Konsequenter als jeder blaue Hardliner hat der vermeintliche Softie sein Ressort tiefschwarz übermalt, ein früher Arnulf Rainer der Politik und in Ableitung seiner Technik sicher ein Meister der postmodernen ÖVP, die als stilbildend erkannt hat: Das Zitat ersetzt den Inhalt und macht, richtig gesetzt, den Diskurs darüber überflüssig. Wer debattieren will, fliegt und landet, wie Gendarmeriegeneral Oskar Strohmeyer, bei der Flughafenpolizei. Gerade sein Fall ist exemplarisch für Strassers Stil. Zuerst durfte Strohmeyer ein Konzept für die neue Gendarmerie erstellen, das ihm Strasser nach Fertigstellung vor die Füße warf, und dann: Danke für die Mitarbeit und aufpassen beim Hinausgehen.

Wahrscheinlich wird es Strasser mit seinen Reformplänen gelingen, das politisch sensibelste Ministerium mit seinen Vertrauensleuten zu besetzen. Davor darf man sich ebenso fürchten wie vor der Aussicht, dass dieser Liberale als heißeste VP-Option einer möglichen rot-schwarzen Regierung gehandelt wird, die es mit ein bisschen Pech - aus dem Blickwinkel eines Regierten gesprochen - auf eine Zweidrittelmehrheit bringen könnte. (DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.6.2002)

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