Spaß am Stau dank Stau-TV

7. Juni 2002, 19:07
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Der Gürtel ist bis Ende August ein riesengroßes Autokino

Wien - Rudolf Schicker fühlt sich wie Leopold Figl, das Autokino kommt auf den Matzleinsdorferplatz, und trotz monatelanger Vorwarnung werden Wiens Autofahrer wohl auch heuer wieder dort "fahren", wo alles steht.

Trotzdem: Freitagvormittag trat Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker (SP) zur kommunalpolitischen Pflichtübung "Baustellenvorwarnung" an - beginnt doch dieses Wochenende die Sanierung der Gürtelunterführungen am Matzleins- und Südtirolerplatz. Im Juni wird an den Wochenenden, dann - bis August - permanent nur je eine Fahrspur offen sein. Ausweichrouten gibt es nicht. Bereits im Frühjahr hatte Schicker dies - DER STANDARD hatte berichtet - mit dem Hinweis, der Stau sei unvermeidlich, angekündigt.

Stau ist Unterhaltung

Am Freitag wiederholte der Stadtrat: "Ich kann nicht versprechen, dass es nicht stauen wird", betonte er. "Ich komme mir vor wie der Figl. Ich kann nur bitten: Steigt auf öffentliche Verkehrsmittel um."

Dass der Wunsch wohl ungehört verhallen wird, weiß niemand besser als die Planer selbst. Andernfalls hätten sie wohl kaum anlässlich der Stauankündigung die Betreiber der aus der U-Bahn bekannten "Infoscreens" eingeladen, ihr Stau-TV zu präsentieren: Openair-Sommerkino wird es heuer nämlich nicht bloß am Rathausplatz, in der Krieau oder im Augarten geben, sondern auch am Gürtel.

Zwei 17-m²-Bildschirme sollen über den Abfahrten der Gürtelunterführungen platziert werden, um den Autofahrern die schleichende Annäherung an die Baustellen zu einem kurzweiligen Infotainment-Erlebnis zu machen.

Dass das Staufernsehen keine abendfüllende Spielfilme, sondern bloß Werbung, Rathaus-PR und Nachrichten bringen will, lässt manchen Autofahrer schon jetzt aufatmen. Dass der eine oder andere Motorist ob eines noch nicht ganz gesehenen Mordillo-Spots das Warten um zehn Sekunden verlängern könnte, ist allerdings nicht ganz auszuschließen. Auch Staucatering, scherzte Infoscreen-Geschäftsführer Andreas Barth später, habe man schon kurz angedacht.

Stau ist gut

Auf alle Fälle, wollte Rudolf Schicker auch denen, die sich nicht im Stau ergötzen, das Positive an der Baustelle an sich schmackhaft machen, möge, wer - egal ob um die Hadikgasse, die Südosttangente, den Schwarzenbergplatz oder irgendeine andere aufgerissen Straße herum - im Auto flucht, doch bedenken, dass Baustellen Arbeit bedeuten: 180 Millionen Euro buttert Wien heuer noch in den Straßenbau. Außerdem, tröstete der Stadtrat, könne jeder hoffen: "Nachher ist es dann viel besser." (DER STANDARD, Printausgabe 8./9. 6. 2002 )

Von Thomas Rottenberg

LINK:

www.baustellen.wien.at

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