Neue Hinweise auf Terrornetz in Bosnien

7. Juni 2002, 18:52
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Polizeirazzia bei islamischen Hilfsorganisationen - Computer beschlagnahmt

Hochrangige Militärs der Bosnien-Schutztruppe Sfor haben in den vergangenen Wochen immer wieder auf mögliche Aktivitäten terroristischer Netzwerke in Bosnien-Herzegowina verwiesen. Als Sondereinheiten der bosnischen Polizei dann zu Wochenbeginn die Büros mehrerer islamischer Hilfsorganisationen durchsuchten, protestierte der Führer der muslimischen Gemeinschaft, Mustafa Ceric, und verwies auf "Zehntausende hilfsbedürftige Bosnier". Eine solche Aktion werde das Land viel kosten.

Doch das Oberste Gericht der muslimisch-kroatischen Föderation hatte die jüngste Razzia wegen des Verdachts auf finanzielle Unterstützung terroristischer Vereinigungen angeordnet. Mehrfach wurden in den Monaten seit dem 11. September auch mutmaßliche Kontaktleute islamischer Terrorgruppen verhaftet.

Konten gesperrt

Dieses Mal wurden unter anderem im 70 Kilometer nordwestlich der bosnischen Hauptstadt Sarajewo gelegenen Travnik Büros der saudi-arabischen Nichtregierungsorganisation Al-Haramain durchsucht und zahlreiche Dokumente und Computer beschlagnahmt. Die US-Regierung hatte die Konten dieser Organisation in Somalia und Bosnien-Herzegowina sperren lassen, weil sie Gelder für Terroraktivitäten zur Verfügung gestellt haben soll.

Eine Sprecherin der US-Botschaft in Sarajewo bestätigte gegenüber dem STANDARD die Razzia, wollte jedoch keine Stellungnahme zum Einfluss der Vereinigten Staaten auf die Aktion abgeben. Noch im Jänner hatten Einheiten der US-Armee in Absprache mit der bosnischen Regierung sechs mutmaßliche algerische Terroristen in Sarajewo verhaftet und danach auf den US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay ausgeliefert. Die Männer sollen an der Planung eines Anschlags auf die US-Botschaft beteiligt gewesen sein und Verbindungen zu Al-Qa'ida unterhalten haben.

Aus Furcht vor möglichen Anschlägen musste die US-Botschaft in Sarajewo seit dem 11. September bereits zweimal geschlossen werden. Vertreter der internationalen Gemeinschaft in Bosnien begrüßten das Vorgehen der Föderationsregierung als wichtigen Schritt im Kampf gegen den Terrorismus.

(DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2002)
Markus Bickel aus Sarajewo
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