"Das ist Wunschdenken"

7. Juni 2002, 18:09
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Heimische Fondsindustrie bemüht sich, Kunden einen rosigen Herbst 2002 in Aussicht zu stellen

Wien - Die Hälfte der Fonds hat im Vorjahr - nachdem schon das 2000 mager war - Verluste eingefahren. Die Geldvernichtung bewegte sich teilweise im stark zweistelligen Prozentbereich.

Im laufenden Jahr haben sich die Hoffnungen auf eine Aufwärtstendenz an den Aktienmärkten - trotz weiter niedriger Zinsen und wieder leichten Wirtschaftswachstums in den USA und in Europa - bis jetzt nicht erfüllt. In einigen Branchen - etwa Telekom - erreichen die Aktienkurse sogar neue historische Tiefstände.

DER STANDARD: Die Fondsbranche zittert offenbar vor dem Herbst. In welchem Zustand sehen Sie Ihre Branche?
Simbürger: Das Neugeschäft ist dünn, der Großteil der Fonds ist - wie die Märkte - im Minus. Dass die Börsen im Herbst mit der Konjunktur nach oben gehen, ist ein Wunschdenken.
DER STANDARD: Was spricht dagegen?
Simbürger: In den USA sind Aktien historisch gesehen noch immer teuer. Betrachtet man langfristig nachhaltige Unternehmensgewinne, dann errechnet sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17. Derzeit liegen wir in den USA ohne nachhaltigem Wachstum um 35 Prozent höher - ein Abwärtspotenzial. In Europa ist das anders, da liegen die Preise im historischen Trend.
DER STANDARD: Das heißt, im zweiten Halbjahr sollten europäische Aktien profitieren?
Simbürger: Theoretisch ja, es fließt ja auch Kapital nach Europa, was auch der steigende Euro zeigt, aber die Leute haben Angst und horten Cash. Dazu kommt noch der Vertrauensverlust nach Pleiten und Bilanzfälschungen.
DER STANDARD: Wann wird sich diese Angst beruhigen können?
Simbürger: Wenn die Unternehmensgewinne wieder nachhaltig wachsen. Die Verunsicherung ist groß - und die Dynamik der Konjunktur kann keiner voraussagen. In den nächsten Wochen ist nicht viel zu erwarten.
DER STANDARD: Also stimmt der alte Börsenspruch "sell in May and go away", also ab Ende Mai nicht mehr viel zu handeln und die Positionen im Wesentlichen glattzustellen?
Simbürger: Ja, das merkt man an den Volumina, die nachlassen. Nach dem Sommer werden sie dann wieder ansteigen. Dann wird der Markt allerdings Zinsschritte nach oben erwarten, die sich überwiegend nicht kurstreibend auswirken werden.

Horst Simbürger relativiert diese Prognosen während des Gesprächs.

(Karin Bauer im Gespräch mit Horst Simbürger, Fondsmanager der Volksbanken/DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2002)

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