Der Literaturskandal

7. Juni 2002, 19:00
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Über den Zusammenhang von Moral und Analphabetismus. Kommentar von Konrad Paul Liessmann

Das deutsche Feuilleton ist unerbittlich. Kaum lehnt man sich zurück, um für ein paar Tage in aller Ruhe einige Spiele der fernen Fußball-WM zu genießen, schön stört die FAZ mit der von falscher Moral geradezu triefenden Weigerung, das neue Buch von Martin Walser, "Tod eines Kritikers", vorabzudrucken, die kontemplative Idylle. Ehe man sich versieht, blickt man nicht mehr gebannt auf Deutschland gegen Irland oder England gegen Argentinien, sondern auf das Match des Jahres: Martin Walser gegen Marcel Reich-Ranicki, ersterer einsam und allein, letzterer verstärkt durch das fast geschlossen agierende Feuilleton. Die Vorwürfe, die gegen den Autor aufgefahren werden, wiegen in der Tat schwer. Ein antisemitisches hasserfülltes Buch habe er geschrieben, voll von Mordphantasien gegen einen prominenten Literaturkritiker, der als unsägliches Sex-Monster dargestellt werde.

Natürlich: die FAZ kann vorabdrucken, was sie will. Die öffentliche Begründung dieser Ablehnung war allerdings Kalkül. Ein Buch sollte diskreditiert werden, bevor er noch gelesen werden konnte. Dass sich der Suhrkamp-Verlag dem darauf einsetzenden Druck, das Buch nicht zu publizieren, widersetzte, ist diesem Haus hoch anzurechnen. Denn nach der Lektüre des Textes von Martin Walser muss jeder, der seine fünf Sinne noch einigermaßen beisammen hat, erkennen, dass nicht dieses Buch skandalös ist, sondern skandalös ist allein der Skandal, den der Literaturbetrieb daraus machte. Dass damit allerdings genaue jene Mechanismen des Literaturbetriebs bestätigt werden, die Martin Walsers Novelle zur Sprache brachte, ist eine Pointe, für die der Autor seinen Kritikern eigentlich dankbar sein müsste. Sie sind willig in eine Falle gegangen, die ihnen niemand gestellt hat.

Lesen lernen!

Verblüffend an der Sache ist allerdings die Impertinenz, mit der sich die Skandalisierer über die einfachsten Grundsätze einer angemessenen Lektüre hinwegsetzten. Dass Sätze, die eine fiktive Figur sagt, plötzlich als Gesinnung des Autors ausgegeben werden, dass Anspielungen auf die Wirklichkeit mit dieser selbst verwechselt werden, dass sich alle Empörung auf zwei aus dem Kontext gerissene Passagen konzentriert, dass weder das raffinierte Spiel des Autors mit unterschiedlichen Erzählebenen noch der Montagecharakter seines Textes in der Verurteilung Erwähnung fand, lässt die Vermutung zu, dass ein Grundkurs "Lesen" und ein germanistisches Proseminar den Stars der deutschen Kritikerszene nicht schlecht täte. Bei der nächsten Pisa-Studie sollte man vielleicht einmal die Feuilletonchefs testen. Zu viel Moral trübt offenbar das Lesevermögen.

Ist es auch Analphabetismus, so hat er doch Methode. Alles stürzte sich auf die Frage, ob der Literaturkritiker André Ehrl-König, der in Walsers Novelle übrigens gar keine zentrale Rolle spielt, nun mit Reich-Ranicki identisch ist oder nicht, und welche Größen des Kulturbetriebs sich hinter den anderen, durchaus ambivalent gezeichneten Figuren verbergen. Hinter der Empörung verbirgt sich, wie so oft, die Geilheit der Neugier. Natürlich: wer einen Schlüsselroman schreibt, riskiert, dass sich vorab die Verschlüsselten dafür interessieren. Nach der Veröffentlichung der "Buddenbrooks" war die Lübecker Gesellschaft über ihr wenig schmeichelhaftes Porträt schockiert und es kursierten Personenverzeichnisse in der Stadt, in der die Verschlüsselten entschlüsselt und dem Gespött preisgegeben waren. Dieses wenig anständige Verfahren Thomas Manns hat diesen weder vor dem Nobelpreis bewahrt noch davor, der Lieblingsschriftsteller von Marcel Reich-Ranicki zu werden. Heute kennen wir niemanden mehr aus Lübeck, aber noch immer die Buddenbrooks. Reich-Ranicki sollte sich bei Martin Walser bedanken: Auch wenn er für die Figur des Ehrl-König nur ein paar Anregungen geliefert hat, wird man von dem Literaturkritiker im Text noch sprechen, wenn der Literaturkritiker der Realität längst zu einer Fußnote in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens geschrumpft sein wird.

Dass einem Autor von einem um Moral und Anstand besorgten Feuilleton vorgeworfen wird, dass seine Fiktionen Denunziationen lebender Menschen sind, verwundert in einer Zeit, in der man von eben diesem Feuilleton die gegenteilige Behauptung gewohnt war. Bislang zumindest erforderte es die Freiheit der Kunst, dass man weder gegen Christoph Schlingensiefs theatralische Aufforderung, bestimmte Politiker zu töten noch gegen den Mordversuch an einem Populisten, dessen real existierendes Vorbild leicht zu identifizieren war, in Gerhard Roths Romans "Der See" etwas sagen durfte. Und dass ausgerechnet jene Zeitung, die sich nach dem Massaker in Erfurt in gelehrten Abhandlungen bemüht hatte klar zu machen, dass virtuelle Gewaltphantasien und Mordspiele natürlich keinen Einfluss auf die Wirklichkeit haben, nun behauptet, dass eine Romanfigur die Realität beleidigen kann, ist zumindest merkwürdig.

Um Walsers Buch zu vernichten, schlägt der Intellekt überhaupt seltsame Kapriolen. Da man unbedingt lesen will, dass Walser Reich-Ranicki denunziert, nicht zuletzt, indem angeblich antisemitische Assoziationen geweckt werden, wird alles, was in diesem Text gegen diese Auffassung spricht, nicht zur Entlastung des Autors verwendet, sondern diesem auch noch vorgerechnet: dass Ehrl-König einen Jaguar fährt, Reich-Ranicki aber nicht, dass Ehrl-König die deutsch-britische Doppelstaatsbürgerschaft besitzt, Reich-Ranicki aber nicht, dass Ehrl-König aus Lothringen stammt, Reich-Ranicki aber nicht, dass Ehrl-König am Ende englischer Sir wird, Reich-Ranicki aber nicht - alles das bringt niemanden auf die Idee, dass es Walser gar nicht um Reich-Ranicki, sondern um einen Typus des Medienbetriebs ging, sondern gerinnt zum Vorwurf, dass der Autor gemeinerweise die Wirklichkeit auch noch verfälscht habe.

Nur unter dieser vollkommen verqueren Perspektive verfängt auch das Argument, dass Walser den Literaturkritiker als widerlichen Erotomanen darstelle. Ehrl-König, nicht Reich-Ranicki hat eine Vorliebe für junge Mädchen und schwangere Frauen. Warum dies übrigens in einer Szene, die ansonsten so viel Wert auf die Freiheit der sexuellen Orientierung legt und die noch vor kurzem mit roten Ohren und beifälligem Nicken in Bret Easton Ellis' "American Psycho" gelesen hatte, wie eine Frau bei lebendigen Leib von den Schamlippen aufwärts mit einer Kreissäge zerstückelt wird, ohne dadurch die Würde der Frau gefährdet zu sehen, nun plötzlich von puritanischer Prüderie befallen wird, ist schon erstaunlich. Verlogener ist selten gegen ein Buch argumentiert worden. Und dass der Vorwurf des Antisemitismus an den Haaren herbeigezogen ist, geben nach der Lektüre auch jene zu, die das Buch nicht mögen. Die sich nun einschleifende Formulierung, Walser "spiele" mit antisemitischen Klischees, entspricht nicht nur nicht dem Text, sondern ist auch höchst gefährlich: sie reduziert den Antisemtismus-Vorwurf selbst auf eine Spielmarke, die immer dann eingesetzt werden kann, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Jeder, dem der Kampf gegen den Antisemitismus ein wirkliches Anliegen ist, müsste sich angesichts solcher Strategien angewidert abwenden.

Form der Zensur

Das, was dieser Skandal aber tatsächlich zeigt, ist höchst bedenklich. Es ist seit langem das erste Mal, dass ein Stück Literatur aus moralisch-ideologischen Gründen in einer breiten Öffentlichkeit vorverurteilt wird, bevor es sich noch zur Wehr setzen kann. Sich dann erst gar nicht mit dem Text, sondern mit der politischen Verortung des Autors auseinander zu setzen, ist die Folge einer Haltung, der es nicht um Kritik, sondern um Denunziation geht. Dies ist die Form der Zensur in einer Mediengesellschaft. Dass es überhaupt zu einer Diskussion darüber kommen konnte, ob und in welchem Verlag das Buch erscheinen dürfe, zeigt, dass das Bewusstsein davon, was die Freiheit der Kunst tatsächlich bedeutet, über alle Maßen korrumpiert ist. Diese Freiheit, so hat man den Eindruck, scheint für manche höchst teilbar zu sein.

(DER STANDARD, Printausgabe vom 8. Juni 2002)

Der Autor ist Philosoph und Kulturpublizist in Wien.
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