Vor dem Sturm gefeit

7. Juni 2002, 11:15
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Markt zur Absicherung gegen Wetterrisiken boomt - Wetterderivate sind in den USA bereits etabliert

Frankfurt - Der weltweite Markt zur Risikoabsicherung von wetterabhängigen Branchen ist einer Studie zufolge in den zurückliegenden zwölf Monaten um 72 Prozent gewachsen. Mittlerweile werde die Absicherung gegen Wetterrisiken nicht nur von der Energiebranche und der Landwirtschaft nachgefragt, sondern zum Beispiel auch von Golfclubs oder von Hoteliers bei der Fußball-WM in Japan, teilte am Donnerstag das Beratungsunternehmen für Wetterderivate FinanzTrainer.com anlässlich der Jahrestagung des Weltverbandes für Wetterrisikomanagement (WRMA) in Florida mit.

In der Zeit von April 2001 bis März 2002 seien fast 4.000 Wetterderivate mit einem Gesamtwert von 4,3 Mrd. US-Dollar (4,6 Mrd. Euro) abgeschlossen worden, teilte das Unternehmen weiter mit. Die Studienergebnisse wurden den Angaben zufolge zusammen mit der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers erhoben.

Versicherung gegen Strombeschaffungskosten

Durch das Risikomanagement mit Wetterderivaten, die zum Beispiel von Banken ausgegeben werden, können sich etwa Versorgungsunternehmen gegen hohe Strombeschaffungskosten in einem verregneten Sommer oder auch gegen Einnahmeverluste bei einem zu warmen Winter absichern.

Der Berliner Versorger Bewag hat zum Beispiel erstmals im Winter 2000/2001 mit einem Wetterderivat finanzielle Betriebsrisiken von Heizkraftwerken abgesichert und handelt seit Mai 2001 auch selber mit Derivaten. Die Elekrizitätswerke Dahlenburg, der Versorger GGEW Bensheim oder die Stadtwerke Dessau haben nach Angaben von FinanzTrainer.com in der Vergangenheit durch Wetterzertifikate Auszahlungen für schlechtes Wetter erhalten.

Wetterderivate bereits etabliert

Der Studie zufolge sind Wetterderivate in den USA mit einem Anstieg von zehn Prozent auf rund 2.700 Abschlüsse und einem Wert von 1,2 Mrd. Dollar im Berichtszeitraum bereits etabliert. Ein großen Nachholbedarf habe hingegen der europäische Markt, was durch fast 600 neu abgeschlossene Kontrakte und damit einen Anstieg von 345 Prozent deutlich werde. Dabei sei der Kontraktgegenwert auf rund 550 Mill. (korrekt) Dollar verzehnfacht worden.

"Auch in Deutschland gab es bereits etwa zwei Dutzend Geschäftsabschlüsse", sagte Hans Esser, Geschäftsführer von FinanzTrainer.com, er nannte jedoch keine genauen Zahlen. Insgesamt zeichne sich eine Differenzierung von rein temperaturbezogenen Derivaten hin zu einer steigenden Zahl von wetterbezogenen Absicherungen gegen Schnee, Regen oder Wind ab. Die diesjährige Studie hat 82 Prozent Temperaturkontrakte erfasst, im Vorjahr waren es noch 92 Prozent.

Siebzig Prozent aller Unternehmen wetterabhängig

Die steigende Nachfrage nach Wetterderivaten kommt aber nicht nur aus Wirtschaftszweigen wie Energie oder Landwirtschaft. "Siebzig Prozent aller Unternehmen sind wetterabhängig", sagte der Berater Esser und verwies dabei auch auf die Freizeitindustrien Sport und Unterhaltung.

So habe sich ein Golfclub bei Hamburg in diesem Jahr gegen Einnahmeverluste durch Regen mit einer Verkaufsoption auf den so genannten Nice-Day-Index einen abgesichert. Selbst bei der Fußballweltmeisterschaft spielten Wetterrisiken eine Rolle: Medienberichten zufolge bietet eine japanische Bank seit April Derivate für WM-Spielorte an, mit denen sich Unternehmen vor Ort gegen wetterbedingte Einnahmeausfälle absichern können. (APA/Reuters)

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