Australien: Flüchtlingslager "Gift für die Psyche"

7. Juni 2002, 10:16
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Studie bescheinigt zehn Mal höhere Selbstmordrate als im Landesdurchschnitt - Regierung weist Vorwurf zurück

Canberra - In australischen Internierungslagern für Asylbewerber liegt die Selbstmordrate laut einer Studie zehn Mal höher als im Landesdurchschnitt. Die Verzweiflung der Flüchtlinge sei vor allem darauf zurückzuführen, dass sie über die Dauer ihres Aufenthalts in den Lagern in Unkenntnis gelassen würden, erklärte die Königliche Australische und Neuseeländische Psychiatrie-Gesellschaft (RANZCP), die die Untersuchung einem Ermittlungsteam der Vereinten Nationen vorlegte.

Die australische Regierung nannte den Bericht am Freitag unzutreffend. Einwanderungsminister Philip Ruddock bezeichnete die in der Studie angeführte Selbstmordrate als "ungeheuerliche Behauptung", die nicht der Wahrheit entspreche.

Depression und Verzweiflung

Die Ko-Autorin der Studie, Louise Newman, sagte, die Flüchtlinge in den Lagern durchliefen mehrere Stufen von Stress und Ärger, gefolgt von Depression und Verzweiflung, die sie an Selbstmord denken ließen. "Die Internierungslager sind Gift für die Psyche der Menschen", sagte Newman. Selbstmordversuche und Selbstverstümmelungen seien praktisch an der Tagesordnung, sagte Newman. Sogar Minderjährige würden versuchen, sich umzubringen.

Für die Studie haben die Psychiater alle fünf australischen Lager besucht und deren Insassen befragt - überwiegend Asylbewerber aus dem Nahen Osten, Afghanistan, dem Irak und dem Iran, die bis zu drei Jahre dort verbringen. In den vergangenen 18 Monaten wurden der Untersuchung zufolge fünf mutmaßliche Selbstmorde registriert. Im Internierungslager Woomera hatten afghanische Flüchtlinge Anfang des Jahres mit einem Hungerstreik auf die ihrer Ansicht nach unmenschlichen Bedingungen aufmerksam gemacht. Mehrere Insassen ließen sich aus Protest die Lippen zunähen. Die Vereinten Nationen haben die Lage in australischen Flüchtlingslager als "dramatisch" kritisiert.

Kritik der Kirche

Auch die katholische Kirche Australiens hat die Zustände in den Flüchtlingslagern scharf kritisiert. Die Zustände dort seien menschenunwürdig, heißt es in einem 64-seitigen kirchlichen Bericht. UNO-Menschenrechts-Hochkommissarin Mary Robinson hatte ihre tiefe Besorgnis über die Behandlung der Asylsuchenden ausgedrückt. Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) hat gegen die Inhaftierung von Asylsuchenden protestiert. Die australische Regierung hatte vor den Wahlen im November behauptet, Flüchtlinge hätten ihre Kinder ins Meer geworfen, um die Marine unter Druck zu setzen und die Einreise zu erzwingen. Entsprechende Fotos von im Meer treibenden Kindern sollten die Aussage untermauern. Nach einem Untersuchungsbericht waren die Fotos jedoch gefälscht. (APA/AP)

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