Nitrofenputen-Importe: Falsches Schweigen

6. Juni 2002, 19:38
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Ernährungsagentur hätte informieren müssen - Giftverdacht in Deutschland weitet sich indes aus...

Wien - Für das beredte Schweigen offizieller heimischer Stellen über die Importe von Bio-Nitrofenputenfleisch nach Österreich übernimmt Walter Schuller die Verantwortung: "Es war wahrscheinlich unser Fehler. Aber wir sind erst seit fünf Tagen im Geschäft", meint der Geschäftsführer der neuen österreichischen Ernährungsagentur, die am 1. Juni 2002 ihre Arbeit aufgenommen hat.

Gäbe es, so Schuller, bei der Agentur eine Pressestelle - wie es zwar geplant, aber noch nicht umgesetzt worden ist -, "hätte diese die Öffentlichkeit über Zeitpunkt und Umfang der verdächtigen Lieferung informiert". Das Wissen, dass es sich bei den Importen um wenige Hundert Kilo Fleisch gehandelt habe, wäre "von durchaus beruhigender Wirkung gewesen", konzediert der Agenturchef.

30 bis 40 Kilo

Bei den Giftputeneinfuhren nach Westösterreich handelte es sich laut STANDARD-Recherchen unter anderem um 30 bis 40 Kilo deutsches Fleisch, die ein Tiroler Geflügelhändler im Februar 2002 erhalten hat. Das Fleisch, mittlerweile längst verkauft und gegessen, sei schon vom Ansehen her von unzulänglicher Qualität gewesen, weshalb der Händler auf weitere Importe verzichtet habe, erläutert der Chef der Tiroler Lebensmittelaufsicht, Anton Jakomi.

In Wien werden heute, Freitag, die ersten Resultate der Nitrofen-Stichprobentests an Bioprodukten veröffentlicht. Dabei handelt es sich um die ersten Nitrofentests in staatlichem Auftrag, die in Österreich seit dem Verbot des möglicherweise krebserregenden Herbizids im Jahr 1987 durchgeführt wurden.

Untersuchungskapazitäten

In Österreich konzentriere man "die Untersuchungskapazitäten auf legale chemische Stoffe", erklärt Hans Schöffl, Konsumentschutzexperte der Arbeiterkammer. Ein laut Klaus Kastenhofer von der Naturschutzvereinigung Global 2000 "falscher Weg": In Deutschland, wo der Bioskandal seinen Ausgang nahm, gehörten Nitrofentests zur Untersuchungsroutine.

Dort fahndet man indes auch in konventionellen Geflügelprodukten nach Spuren des Gifts: Wie Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) verkündete, war in der als Quelle der Kontamination ermittelten nitrofenverseuchten niedersächsichen Lagerhalle erst seit November 2001 Biogetreide gelagert worden. Davor habe man in dem Gebäude konventionelle Kornprodukte aufbewahrt. (afs, bri, bs, DER STANDARD, Printausgabe 7.6.2002 )

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