Der Walkman gehört uns allen

6. Juni 2002, 19:31
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Wer Walkman sagt, denkt nicht an Sony, behauptet ein Wiener Gerichtsurteil.

Die Geschichte erinnert ein bisschen an eine biblische, an die von David und Goliath. 1994 preiste der kleine Wiener Elektrodiskonter Timetron in seinem Katalog Kassettenabspielgeräte unter dem Namen "Walkman" an. Prompt stößt sich daran der japanische Unterhaltungsgigant Sony. Der hatte den Namen Walkman als Sony-Trademark registrieren lassen. Ein langjähriger Weg durch die Gerichtsinstanzen hebt an.

Jetzt hat der Oberste Gerichtshof gesprochen, und er meinte Folgendes: "Umgangssprachlich hat sich das Wort Walkman rasch nach der Markteinführung des neuen Produkts als allgemeine Bezeichnung für tragbare Kassettenrekorder mit Kopfhörern eingebürgert . . . und fand unter dieser Definition auch Eingang in Wörterbücher."

Was der legendäre Konzernchef und Sony-Gründer Akio Morita wohl dazu gesagt hätte, würde er noch leben? Immerhin war er es, der den Walkman erfand, angeblich, weil ihm vor rund 25 Jahren das Musikgeplärre seiner Kinder auf die Nerven ging, das tagtäglich aus Tonbandgeräten dröhnte, die ebenfalls vom Hause Sony erfunden worden waren.

Geniale Erfindung

Der Walkman ist eine geniale Erfindung, keine Frage. Und ebenso genial ist die Bezeichnung dafür. Wie alles wirklich Bahnbrechende machte es auch seinen Weg und war als Plagiat bald überall zu finden: Nicht nur wurde Sony mit dem Walkman groß und mächtig (Umsatz: 22,7 Milliarden Euro). Auch setzten sofort andere Elektrogerätehersteller auf das Musikabspielgerät mit den kleinen Kopfhörern.

Walkmen, die so nicht genannt werden durften, wurden rund um den Erdball hergestellt und verkauft. Die Bezeichnung wurde zum Gattungsbegriff für eine ganze Produktsparte - vergleichbar mit Pampers, die im täglichen Sprachgebrauch für Baby-wegwerfwindeln stehen, oder Soletti, die im deutschsprachigen Raum mit dünnen, trockenen Salzstangerln assoziiert werden.

Akio Morita, der als eine der wichtigsten Unternehmerpersönlichkeiten Japans gilt, würde in der Sache sicherlich "way off" geben. Immerhin hatten für ihn Innovation und Kreativität im Unternehmen stets oberste Priorität, unternehmerische Entscheidungen traf er am liebsten aus dem Bauch heraus.

Der Konzern will sich allerdings mit dem Gerichtsurteil nicht zufrieden geben. Wege, seine Marke zu schützen, werden gesucht, ließ der Konzern in Tokio Mitte der Woche vernehmen. Der siegreiche Beklagte, Laszlo Zelmanovics, Geschäftsführer von Trimetron, freut sich hingegen an dem Urteil: "Von nun an gehört der Walkman der Allgemeinheit." Und seine Chancen stehen gut: Zumindest innerhalb von EU-Europa könnte das Urteil Vorbildwirkung haben. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe 7.6.2002)

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