Martin Walsers heile nationale Welt

6. Juni 2002, 19:40
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Kommentar von Hans Rauscher

Ob Martin Walser ein Antisemit ist oder auch nur mit antisemitischen Klischees spielt, ist eine Frage, die auch nach der Lektüre seines Schlüsselromans Tod eines Kritikers nicht mit letzter Eindeutigkeit zu entscheiden ist. Dass Walser aber ein deutscher Nationalkonservativer ist, der sich sehnlichst wünscht, diese Geisteshaltung aus der völligen Diskreditierung durch den Nationalsozialismus irgendwie retten zu können, stand schon lange vorher fest. Sozusagen in einer sich steigernden Intensität gab Walser diesem Gefühl über die Jahre hinweg Ausdruck.

1988 erregte er bei einem Auftritt in der Reihe "Reden über das eigene Land: Deutschland" mit dem Bekenntnis Aufsehen, dass er sich mit der deutschen Teilung nicht abfinden könne.

1998 löste er in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche eine heftige Kontroverse mit seinem Dictum aus, der Holocaust werde "instrumentalisiert", und die ständige Befassung mit dem Thema habe schließlich das "Wegschauen" zur Folge.

Schließlich deutete er Anfang dieses Jahres in seiner Berliner Rede Über ein Geschichtsgefühl den Versailler Vertrag, der am Ende des Ersten Weltkriegs stand, als "eine der Ursachen für Hitlers Erfolg".

Im Grunde ist es jene letzte Äußerung, die Walsers politische Einordnung am ehesten ermöglicht, weil sie eben typisch für eine bestimmte Weltanschauung deutscher (und österreichischer) Konservativer ist, die nicht einsehen wollen, dass der Deutschnationalismus und alle Arten von verwandtem großdeutschen Gedankengut historisch durch die Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus erledigt sind. Martin Walser hegte die Hoffnung "jenseits der Epoche des Nationalsozialismus eine heile nationale Welt für die Deutschen bewahren zu können", schrieb der große Historiker Hans Mommsen in der "Zeit". Walsers Versailles-"Erklärungen" für das Aufkommen Hitlers seien "die Erneuerung von Vorurteilen, die aus der Asservatenkammer der konservativen Rechten stammen". Mommsen weist nach, dass "mit dem Schlagwort vom ,Versailler Diktat' und dem Kampf gegen die Verständigungspolitik der republikanischen Regierungen die rechtsbürgerlichen Regierungen seinerzeit die Grundlagen für das ominöse Bündnis mit Hitler gelegt (haben), das dessen Berufung zum Reichskanzler herbeiführte".

Damit ist ein Stichwort gefallen: Die deutschen Nationalkonservativen und Deutschnationalen wie Papen und Hugenberg haben in Wahrheit Hitlers Machtergreifung erst möglich gemacht, indem sie den immer noch widerstrebenden greisen Reichspräsidenten Hindenburg bewogen, ihn zum Kanzler zu ernennen: ein legaler Putsch. Die bürgerlichen Reaktionäre glaubten, Adolf Hitler und seine Massenbewegung würden ihren eigenen autoritären und antidemokratischen Zielen jene rücksichtslose Schwungkraft verleihen, die ihnen fehlte; sie glaubten, sie könnten Hitler "zähmen", "zivilisieren". "Wir haben ihn eingerahmt", sagte der reaktionär-katholische Franz von Papen und entging wenig später nur knapp seiner an sich geplanten Ermordung durch die SS.

So geht es, wenn überschlaue Bürgerliche glauben, die revolutionäre Rechte "einbinden" zu können. Spätestens seit damals ist auch diese Spielart des deutschen Konservatismus diskreditiert, und alle Versuche, aus dem geistigen und moralischen Bankrott noch etwas zu retten, sind zum Scheitern verurteilt. Das Versailles-Argument ist auch deshalb so kläglich, weil selbst die drückendsten Auflagen der Alliierten den Mord an den Juden nicht erklären können. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2002)

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