Laute Gäste in goldener Sauna

6. Juni 2002, 19:05
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Osloer Philharmoniker in Wien

Wien - Am Mittwochabend ist der ehrwürdige Goldene Saal des Musikvereins trotz (oder mit nicht eingeschalteter) Klimaanlage seiner Tradition als symphonische Sauna voll gerecht geworden. Ist unter derlei klimatischen Bedingungen auch gemeinhin Schonung angesagt, so wollten die Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters Oslo von solcher aber schon gar nichts wissen und stürzten sich unter der nicht minder temperamentgeladenen Leitung gleich hinein in die Klangwogen der 2. Symphonie von Jean Sibelius. Von klassischer Bändigung, an der es dem Komponisten, inspiriert durch einen Italienaufenthalt, bei diesem Werk gelegen war, spürte man in der dynamisch vitalen und im Tempo aber richtigerweise bedächtigen Wiedergabe zwar wenig.

Trotzdem gelang den Gästen nach schweißtreibenden ersten drei Sätzen in der melodisch luxuriös gestalteten Zielgeraden des Finales noch ein überaus eindrucksvoller, wenn auch erschöpfender Endspurt. Auch das rastlose rhythmische Räderwerk, das Albert Roussel in seiner 3. Symphonie in Gang setzt und sogar im langsamen Adagio-Satz weiterarbeiten lässt, brachte die Mannschaft aus Oslo auf virtuose Weise in Schwung. Unter dessen Wucht allerdings kam die spieltechnische Delikatesse gegenüber metrischer Exaktheit und Lautstärke doch hörbar zu kurz. Dass solche Delikatesse vor allem in den Holzbläsern latent vorhanden ist, war am Beginn von Maurice Ravels zweiter Suite aus Daphnis et Chloé unüberhörbar. Dies allerdings nur so lange, als diese nicht in einer allgemein um sich greifenden dynamischen Tobsucht unterging. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2002)

Von Peter Vujica
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