Der Tod, das Tödliche, die Agonie

6. Juni 2002, 18:59
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Oft ins Boulevardeske kippender Lärm: Schnitzlers "Anatol" unter Luc Bondy bei den Festwochen

Foto: REUTERS/Herwig Prammer

Von Cornelia Niedermeier
In seinem dritten diesjährigen Festwochen-Auftritt als Regisseur zeigt Luc Bondy Schnitzlers Einakter-Zyklus "Anatol": eine seltsam unausgewogene Arbeit, in deren oft ins Boulevardeske kippendem Lärm der Anatol des Michael Maertens fremd bleibt.


Wien - Sechsundzwanzig Jahre jung war er, der Herr Dr. Arthur Schnitzler, Sekundärarzt an den Wiener Universitätskliniken für interne Medizin, Psychiatrie und Hautkrankheiten, als er neben der mühsamen Arbeit im Krankenhaus, gelegentlichem Herumexperimentieren mit Hypnose, zahllosen erotischen Episoden und einem mit Sorgfalt und Hang zu penibel genauen Orgasmustabellen geführten Tagebuch begann, sich den Zyklus der Anatol-Einakter vom Leib auf die Bühne zu schreiben.

Episoden eines jungen Mannes von Welt, lose gereiht, vage verbunden, in denen das Weibliche das Gesicht wechseln mag, nicht aber den fatalen Hang, es dem Mann gleich-zutun in der Liebesleichtherzigkeit. Weshalb allem Liebesbeginn schon der Keim des baldigen Todes eingeschrieben sein muss, schlimmer noch, das Tödliche, die ewig Anatolsche Agonie. Und folglich nicht vom Glück gehandelt werden kann als vielmehr von der nagenden Angst vor dem Danach.

Schnitzler, Anatol - mit seinem Lieblingsregisseur Luc Bondy schien Festwochen-Intendant Luc Bondy die ideale Ergänzung gefunden zu haben für das Triumvirat im Dienste des Eros. Kaum ein Regisseur versteht es ähnlich virtuos, die feinen Fäden erotischer Anziehung zu unerbittlich leichten, zerreißbaren Netzen zu spinnen. Kaum einer versteht es ähnlich behutsam, mit den Körpern seiner Schauspieler Geschichten zu malen, unter deren schwebender, flirrender Leichtigkeit der dunkle Abgrund stets nur dunkel ahnbar bleibt.

Vorfreudig beschwingt durfte man sich also zur dritten Bondy-Premiere dieser Festwochen in die roten Samtsessel des Wiener Akademietheaters gleiten lassen, zur Hingabe bereit an die verfeinerten Genüsse des Abends. Neugierig zumal aufgrund der Besetzungsliste, die mit dem in Hamburg und Berlin beheimateten Michael Maertens einen Anatol erwarten ließ, dessen Interpretation frei war von jenem Vornehmheit näselnden Wiener Schnitzler-Stil, den Franz Schuh wenig gnädig den "Schnitzlerismus" getauft hat.

Der Rest des Abends war dann tatsächlich Anatol: Der träumerischen Illusion folgten ein Erwachen mit Schrecken und schließlich (drei) lange Stunden Agonie. Dabei begann alles einige Momente lang sehr schön und schlicht: große, verschlissene Stellwände in den melancholischen Rot-, Rosé- und Violett-Tönungen vom Fleisch der Rosen und der Menschen, rauchig-lasziver Jazz, Halbdunkel. Darin wortlos Anatol - ein Mann in zu Erstarrung verlangsamter Nervosität, dessen irrender Blick kein Gegenüber wahrnimmt, keine Frau, nicht sich selbst. Ein erloschener Autist des Selbstbetrugs, still, noch in den Gesten, bis zur Geräuschlosigkeit.

Michael Maertens wird dieses irritierend bezuglose Spiel den ganzen Abend durchhalten und setzt damit seine Präsenz wie einen erratisch verschlossenen Hohlkörper auf die Bühne, an dessen Unnahbarkeit das Spiel seiner Partnerinnen ebenso wenig Halt findet, wie die Regie Bondys, der keine Fäden spinnen kann, wo er keinen Ort findet, sie anzubinden.

Splitternde Gläser

Vor Maertens' unheimlicher Stille flüchten sich Bondy und die weiblichen Darstellerinnen in die schlimmste aller Theater-Lösungen: in die schrille, grobe Lautheit des Boulevards. Da werden Blumensträuße auf Köpfen zerhauen (Maria Hengge als Ilona in Hochzeitsmorgen), Gläser zerschlagen (Birgit Minich-mayr als Annie in Abschiedssouper). Wie überhaupt das labile Anatolsche Gleichgewicht zwischen Frau und Mann bei Bondy aufgegeben scheint zum unendlich reizloseren, unendlich konventionelleren Spiel vom Lüstling und seinem Objekt der Begierde, das, erst nackt (Dorothee Hartinger als Fritzi in Süßes Mädel), dann enttäuscht, eben lärmt, wenn's schmerzt.

Zuletzt - Anatols Größenwahn - ist Anatol gealtert. Mit ihm sein Freund Max (Klaus Pohl). Mit ihm der Abend. Noch einmal werden Beine gezeigt, Perücken geschleudert, Trockennebel gesprüht. Dann ist es aus, das laute Spiel vom Mann. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2002)

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