Schüssels "Weitsicht" zur Adria

6. Juni 2002, 19:26
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Der Kanzler strahlt an der Seite der populären Waltraud Klasnic

Graz - Eine ältere Dame drängelt sich vor. Der Mann ruft ihr nach: "Du, gibt's wos Interessantes?" Die Frau zurück: "Na, nur da Schüssel, oba i tät eam gern amol sehen, so in natura." Dieser smalltalkt wenige Meter entfernt mit VP-Funktionären im Festzelt am Grazer Franziskanerplatz, während junge Parteimitarbeiter rundum bunte Zuckerlpackerln verteilten. Der Bundeskanzler durfte hier vor Ort wenig später das Schinkenfest "Friuli Doc" eröffnen. Es war an diesem Mittwochabend der vorletzte Programmpunkt der Österreich-PR-Tour der ÖVP-Spitze. Das Interesse der neugierigen Grazer Dame an der Person Schüssel war zumindest hier in der City ein eher singuläres Phänomen. Beim anschließenden Spaziergang durch die Grazer Innenstadt wäre Österreichs Bundeskanzler fast anonym geblieben, wenn nicht die populäre Landesmutter an seiner Seite spaziert wäre. Und auch im Kreise der VP-Familie später beim Festakt auf dem Grazer Schlossberg musste Schüssel erkennen: Der Applaus für Klasnic war wärmer, lauter und länger. Klasnic hat, das war aus jedem der Sätze ihrer kurzen Rede zu hören, weiter an Selbstbewusstsein zugelegt.

Schnippisch sprang sie mit ihren Bundesparteifreunden um und drückte sie mit überschwenglichen Lobesfloskeln an die Brust. Der Steiermarkbesuch hatte dennoch auf Schüssel eine gewisse Magie ausgeübt. Enthusiasmiert berichtete er von einem Treffen auf dem idyllischen südoststeirischen Schloss Kapfenstein. Von hier könne man bis nach Kroatien, ja bei schönem Wetter gar bis an die Adria sehen. Die Weitsicht Schüssels trügt: Mit viel Glück reichen die Blicke ins Burgenland, ein bissl nach Ungarn und Slowenien.

(DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2002)
von Walter Müller
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