Arafats Hauptquartier übel zugerichtet

6. Juni 2002, 21:56
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Keine Kritik Washingtons an israelischer Militäroperation, aber auch kein "grünes Licht"

Yassir Arafat war das Ziel der Strafaktion für den Anschlag auf einen Autobus, in dem am Mittwoch 17 Israelis verbrannt waren: Etwas über einen Monat nach dem Ende der Belagerung des Palästinenserchefs umzingelten israelische Truppen in der Nacht auf Donnerstag wieder sein Hauptquartier in Ramallah und richteten es noch schlimmer zu, als es nach den Kämpfen im April schon ausgesehen hatte.

Drei Gebäude des "Mukataa"-Komplexes wurden gesprengt und mit Bulldozern demoliert, bei den Schusswechseln wurde ein Angehöriger der Präsidentengarde getötet, rund zehn Palästinenser wurden verletzt, doch als die Israelis nach sieben Stunden wieder abgezogen waren, machte Arafat im Hof vor jubelnden Palästinenser das "Victory"-Zeichen: "Sie wollen zeigen, dass sie uns besiegen können - niemand kann das palästinensische Volk besiegen, das die muslimischen und christlichen heiligen Stätten verteidigt", rief Arafat, "wir sind bereit, für ihre Verteidigung zu sterben."

Völlig zerstört wurden zwei Bürogebäude der Geheimdienste und das zum Komplex gehörende Gefängnis - unter Beschuss kam auch Arafats Wohn- und Arbeitsbereich, eine Granate soll wenige Meter von seinem Bett entfernt eingeschlagen haben. Die Israelis wiesen aber Andeutungen des Palästinenserchefs zurück, wonach man ihm nach dem Leben getrachtet hätte - hätte man ihn wirklich töten wollen, so wäre das "kein Problem" gewesen.

Sharon gebremst

Anders als bei allen Vorstößen ins Autonomiegebiet in den letzten Wochen wollten die Israelis diesmal nicht operativ gegen Terroristen vorgehen, sondern ein Signal setzen: Laut Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer sollte die Aktion "die Aufmerksamkeit auf die direkte Verantwortung der Palästinensischen Behörde für ihre Terrorpolitik im Allgemeinen sowie für die neuerliche Terrorwelle, für deren Beendigung die Behörde und ihr Vorsitzender nichts tun, lenken". Laut Medienberichten hatte Ben-Eliezer Premier Ariel Sharon gebremst, der eigentlich mehr und näher bei Arafats Kanzlei gelegene Gebäude zerstören lassen wollte.

Aus Washington war keine Kritik an der Operation zu hören, die Amerikaner betonten aber, sie seien von dem bevorstehenden Schlag gegen die Mukataa nicht informiert gewesen - damit sollte offenbar der Vorwurf von Arafats Sprecher entkräftet werden, Sharon habe von den USA grünes Licht bekommen. CIA-Chef George Tenet soll Arafat zuletzt gewarnt haben, dass die USA ihn fallen lassen würden, wenn er gegenüber dem Terror weiterhin untätig bliebe. Sharon hat wegen des schweren Anschlags seinen Abflug in die USA zwar verschoben, soll aber wie geplant am Montag von Präsident George Bush empfangen werden.

(DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2002)
Ben Segenreich aus Tel Aviv
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