Karsli sieht sich in der Rolle des Opfers

6. Juni 2002, 15:34
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Ex-Grüner macht Medien für sein Scheitern in der FDP verantwortlich - "Es gibt Millionen von Menschen, die hinter mir stehen"

Düsseldorf - Jamal Karsli sah sich bis zuletzt als Opfer. Die Gemeinsamkeit zwischen einem Politiker und einer Fliege bestehe darin, "dass man beide mit einer Zeitung umbringen kann", schob der 45-Jährige Ex-Grüne am Donnerstag vor Journalisten im Düsseldorfer Landtag den Medien die Schuld an seinem Scheitern in der FDP zu. Karslis Rückzug zunächst aus der Partei und nun auch aus der Landtagsfraktion der Liberalen markiert das zumindest vorläufige Karriereende eines Politikers, der trotz des Streits über seine antisemitischen Äußerungen nie über ein Hinterbänkler-Dasein hinauskam.

Den ersten ernsthaften Ärger mit den Grünen handelte sich der im syrischen Manboj geborene und Anfang der achtziger Jahre nach Deutschland übersiedelte Karsli durch eine Irak-Reise im Juni vergangenen Jahres ein. Von den Grünen war dem verheirateten Vater von drei Kindern dringend von einer Teilnahme an der Reise abgeraten worden, weil sie von der irakischen Regierung unter Saddam Hussein mit finanziert wurde. Karsli fuhr trotzdem und kritisierte anschließend in einem Reisebericht unter anderem eine angebliche westliche Propaganda gegen das Regime in Bagdad. Die Führung der NRW-Grünen mahnte den Mitte der achtziger Jahre eingebürgten Karsli daraufhin ab.

Streit Karsli-Grüne

Der seither schwelende Streit zwischen Karsli und der Grünen-Fraktion spitzte sich zu, als der seiner syrischen Heimat weiter eng verbundene Dolmetscher am 15. März den Israelis in einer Pressemitteilung zum eskalierenden Nahost-Konflikt Nazi-Methoden vorwarf. "Gerade von Deutschen sollte auf Grund der eigenen Geschichte einen besondere Sensibilität erwartet werden, wenn ein unschuldiges Volk den Nazi-Methoden eine rücklichtslosen Militärmacht ausgeliefert ist", lautete der entscheidende Satz in der Erklärung Karslis, mit dem der migrationspolitische Grünen-Sprecher einen Sturm der Entrüstung auslöste. Die Grünen luden Karsli umgehend zum Rapport und nahmen ihm die Verpflichtung ab, solche Vergleiche künftig zu unterlassen.

Aber auch von Menschenrechtsgruppen und jüdische Organisationen hagelte es Protest. So kritisierte das Berliner Büro des American Jewish Committee am 21. März in einem Brief an Karsli: "Die empörende Rede von 'Nazi-Methoden' im Zusammenhang mit Aktionen des israelischen Militärs setzt das unbeschreibliche Leiden von Millionen Menschen unter der grausamen Herrschaft des Nationalsozialismus herab und beleidigt all jene, die der Barbarei entkamen und jene, die das Gedenken heute aufrecht erhalten."

Grund für Parteiwechsel: Positionierung in der Nahost-Politik

Gut einen Monat später zog Karsli, der in Damaskus Industriechemie und im Ruhrgebiet Bauingenieurwesen und Raumplanung studiert hat, Konsequenzen aus seinem Streit mit den Grünen. Die Nahost-Politik der Partei "entspricht nicht mehr meiner Vorstellung, deshalb kann ich sie auch nicht mehr nach außen glaubwürdig vertreten", hieß es in seiner Austrittserklärung vom 23. April. Mit der israel-kritischen Haltung von FDP-Landeshef Jürgen Möllemann stimme er dagegen "völlig überein" und habe sich deswegen zum Wechsel in die FDP entschieden, kündigte der nach den Landtagswahlen 1995 und 2000 jeweils erst als Nachrücker in den Landtag eingezogene Karsli an.

Möllemann empfing den abtrünnigen Grünen mit offenen Armen. Schon einen Tag nach dessen Austritt stellte er Karsli als parteiloses Mitglied der FDP-Fraktion vor. Freilich sah sich Möllemann schon bald mit einer weiteren umstritten Äußerung von Karsli konfrontiert. In einem Interview mit der rechtsgerichteten Zeitung "Junge Freiheit" beklagte der 45-Jährige den Einfluss einer "zionistischen Lobby" auf die Medien.

Auch nach seinem Rückzug aus der FDP-Fraktion ließ Karsli keinen Zweifel, dass er sich in der Öffentlichkeit zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlt. Seit 18 Jahren sei er Mitglied von amnesty international und der Friedensbewegung; er habe in dieser Zeit gegen Rassismus und Rechtsradikalismus, für Menschenrechte und die Integration von Zuwanderern gekämpft. Aus ihm nun einen Rechtsradikalen und Antisemiten zu machen, "das finde ich wirklich fatal", klagte Karsli. "Es gibt "Millionen von Menschen, die hinter mir stehen".(APA)

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