Österreicher haben mehr Tumoren als der europäische Durchschnitt

6. Juni 2002, 18:59
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Bislang größte in Europa durchgeführte Studie stellt fest: Weniger Fälle in ärmeren Ländern

Innsbruck/Wien - Wie viele Menschen irgendwann in ihrem Leben einen Tumor tragen ("Prävalenz"), ist von Land zu Land sehr verschieden. Dies zeigt nun Europas größte Krebsstudie (Annals of Oncology, Vol. 13, S. 831) mit Daten von drei Millionen Kranken. Auffallend beim Vergleich der Tumorhäufigkeit in den 17 erfassten Staaten: Europa zerfällt in eine Hochprävalenzregion - Mittel- und Teile Nordeuropas - und in eine mit geringerer Prävalenz in Süd und Ost.

Österreich liegt demnach mit 2400 in verschiedenen Modellen hochgerechneten Fällen pro 100.000 Einwohner rund zwanzig Prozent über dem Schnitt (gut 2000 Tumorkranke), ähnlich die Lage in Frankreich, ein wenig mehr Fälle weisen die Schweiz und Deutschland (knapp 2800) auf. Für ärmere Länder zeigen sich in dieser epidemiologischen Studie niedrigere Prävalenzen, die geringsten für Polen mit etwa 1200 Personen.

"Das ist die erste europaweite vergleichende Prävalenzschätzung auf guten methodischen Füßen", sagt Mitautor Willi Oberaigner, Epidemiologe des Tumorregisters Tirol. Aus methodischen Gründen steuerten nur die Tiroler die Österreichdaten bei. Der Unterschied zu Zahlen anderer Bundesländer sei aber "vernachlässigbar".

"Überraschend" fand er dagegen "die unerklärlich hohen schwedischen Daten". Mit gut 3000 Kranken pro 100.000 der höchste Wert in der Übersicht.

Hohe Prävalenz kann - abgesehen von Problemen bei der Datenerhebung - zwei Ursachen haben: hohe Erkrankungsrate ("Inzidenz") oder gute Überlebenschancen trotz Krebs. Beide Ursachen gewinnen an Gewicht. Denn wegen steigender Lebenserwartung steigt das Erkrankungsrisiko. Und immer bessere Therapien heben die Überlebensrate.

Welcher der beiden Faktoren die aktuellen Zahlen zu welchem Grad erklärt, können die Epidemiologen nicht sagen. Als gesichert gilt für Oberaigner aber: In den mitteleuropäischen Ländern ist die Überlebensrate besser als in Osteuropa.

Grundlage für Planung

"Damit sind die Patienten in unserem Gesundheitssystem als Faktor vorhanden", formuliert Oberaigner. -Prävalenz als Indikator für die Anzahl von Krebspatienten, die betreut werden müssen. "Daher", schließt denn auch die von mehreren Dutzend Forschern in mehrjähriger Arbeit erstellte Studie, "daher ist die Nachfrage nach sozialen und Gesundheitsdiensten seitens dieser Personengruppe steigend", besonders in den höher entwickelten Ländern. (Roland Schönbauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 6. 2002)

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