Für Brigitte Hamann ist Walsers Roman "ungustiös"

6. Juni 2002, 13:02
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Historikerin empfiehlt Verbotsklage

Wien/Frankfurt/Main - Brigitte Hamann findet Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" "antisemitisch" und "ungustiös" und empfiehlt im neuen "Format" dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der in dem Buch nur mäßig verschlüsselt dargestellt wird, Walser zu klagen. Nach Ansicht der Historikerin gibt es in dem Buch genug Gründe - etwa den Vorwurf sexueller Nötigung - , es verbieten zu lassen: "Es ist die reinste Beleidigung von vorne bis hinten".

Quod est superius ...

Für Hamann ist Walsers umstrittener Roman "ein Buch über die deutsche Kunst - deren Schicksal in den Händen eines als allmächtig dargestellten jüdischen Kritikers liegt. Das ist natürlich ein altes antisemitisches Vorurteil, das bereits im 19. Jahrhundert bei den Alldeutschen in Wien bestanden hat und in den 20er Jahren auch im Bayreuther Kreis verwurzelt war."

Das lateinische Zitat, das dem Buch voran steht (Quod est superius est sicut inferius) übersetzt Hamann mit "Das Bedeutende wird als minderwertig dargestellt." Für sie bedeutet das "Die Juden machen uns die deutsche Kultur kaputt. Das sind Floskeln, Gerüchte und Beschuldigungen aus dem klassischen antisemitischen Repertoire. Und das macht dieses Buch so ungustiös, dass es nur als Rache eines Schriftstellers verstanden werden kann, der sich ungerecht kritisiert fühlt."

Hamann erinnert an das Ende von Goethes 'Erlkönig' - bei Walser heißt der jüdische Kritiker Andre Ehrl-König -, wo es heißt: "in seinen Armen das Kind war tot". Damit wird nach Ansicht der Historikerin unterstellt: "In den Armen des jüdischen Starkritikers stirbt die deutsche Literatur. Und auf Seite 55 schreibt Walser auch ganz eindeutig, Ehrl-König wäre der Totengräber der deutschen Literatur."

Das Buch wird, wie bekannt gegeben, mit einer Startauflage von 50.000 Exemplaren am 26. Juni - statt wie ursprünglich gedacht Ende August - in den Buchhandel kommen. (APA/dpa)

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