Aggregatzustände des Funks

6. Juni 2002, 17:00
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Neue CDs von Marie "Queenie" Lyons und Super Collider

MARIE "QUEENIE" LYONS
Soul Fever

(Audiocenter: 01/533 68 49)
Bis vor kurzem zahlten dem Originalpressungs-Virus erlegende Freaks noch 500 Euro für diese Platte. Ohne mit der Wimper zu zucken. Hat die Familie halt eine Woche lang einen leeren Kühlschrank. Nun wurde die einzige Platte von Marie "Queenie" Lyons, einer ehemaligen Background-Sängerin von James Brown, auf Vinyl wieder aufgelegt - um den familienfreundlichen Durchschnittspreis. Bei Soul Fever handelt es sich um ein Funk-Monster. Und zwar keines, bei dem der Angeber-Daumenbass ersatzphallisch durchgehämmert wird. Die Extraklasse dieses Teils begründet eine extrem eng gehaltene Band, in der jeder Mitstreiter im richtigen Moment gerade das Notwendigste spielt. Das Resultat ist so atemberaubend wie elegant: Hören Sie den dramatischen Basslauf in See And Don't See. Einem Song, in dem der guten Queenie beinahe die Luft ausgeht, sie aber die Kurve doch noch kriegt. Hören Sie ihre Interpretation des Klassikers Fever und fühlen Sie dabei, wie Ihre Körpertemperatur steigt. Wer den zum Modewort verkommenen Terminus "funky" in einer seiner ursprünglichsten Bedeutungen verstehen lernen möchte, kommt an Soul Fever kaum vorbei.

SUPER COLLIDER
Raw Digits
(Ixthuluh)
Auf dem 1999 erschienen Album Head On schufen Techno-Kind Cristian Vogel und Jamie Lidell alias Super Collider eine erstaunliche Symbiose: Sperriger Techno hielt mit dem bluesgetränkten Gesang Lidells am Ende einer verschwendeten Nacht verstört Händchen. Das Resultat war ein viel beachteter Funk-Hybrid abseits öder Beats-per-Minutes-Ästhetik. Raw Digits setzt diese Arbeit fort. Zwar verlieren sich Super Collider manchmal in der Detailarbeit, der durch Lidells Gesang verantwortete "menschliche" Aspekt fordert von Vogels Arrangements aber immer wieder die Rückkehr in die Schnittmenge dieser beiden Welten. Etwas gewöhnungsbedürftig wie schon das Debüt, aber wenn man einmal eingehört ist, klingt es wie aus einem Guss. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2002)

Von Karl Fluch
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