Der diskrete Charme der Orthopädie

10. Juni 2002, 13:36
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Hollywood trägt sie, Heidi Klum will sie designen, und in der Modebranche sind sie auch kein Tabu mehr: die Birkenstocks. Dabei war keineswegs abzusehen, dass diese Treter aus Deutschland so weit kommen würden.

Sexy sind Läden für Sanitätsbedarf ja nicht gerade: klingt nach Blasenschwäche, Rückenschmerzen, Fußleiden. Dort, im Umfeld medizinischer Vorsorgeartikel, stehen auch sie: Birkenstock-Schuhe, die Treter mit dem Sex-Appeal eines "idiotisch ausgehöhlten Baumstamms" - so zumindest das Urteil des deutschen Fachhandels um 1970. Längst verkaufen auch Schuhgeschäfte den Schuh mit der Kork-Latex-Sohle und dem ergonomischen Fußbett, doch den Stallgeruch eines Gesundheitsschuhs ist er noch immer nicht losgeworden.

In den USA hingegen wogt seit Jahren beharrlich die Wellness-Welle, die ihm zu neuer Popularität verholfen hat: So trägt die Hollywood-Prominenz ganz ungeniert Birkenstocks: Gwyneth Paltrow, Tom Cruise und Pierce Brosnan in der Freizeit, Julia Roberts vor der Kamera, Sänger Dave Stewart auf seiner Hochzeit. Und in diesem Jahr fanden die Ehrengäste der Oscar-Verleihung ein Paar Birkenstock-Schuhe in ihren Luxus-Präsentkörben vor.

Bislang galten Birkenstocks in den USA eher als Hippie-Sandale denn als Trendsetter, waren doch beim Woodstock-Festival 1969 viele junge Menschen in ihnen herumgeschlappt. Zu der Zeit erfuhr in Deutschland Karl Birkenstock für seine Neuerfindung noch viel Häme, denn die breiten Gesundheitslatschen standen in krassen Gegensatz zur damaligen Mode mit ihren spitzen Schuhen. Füße von Qualen zu befreien lag in der Familie: Birkenstocks Vorfahren, seit 1774 Schuhmacher, verdienten ab 1899 mit orthopädischen Einlagen ihr Geld.

Die Einlage für Schuhe entwickelte Karl Birkenstock 1964 weiter zu einer Einlage ohne Schuh, den Birkenstocks. Das nackte Fußbett mit Leder drumherum hätte ihm fast die Pleite gebracht, weil der Handel die klobigen Dinger partout nicht verkaufen wollte. "Jetzt helfen uns nur noch die Ärzte", dachte sich Birkenstock damals und ließ seine Prospekte samt Bestellkarten einer Ärztezeitung beilegen. Kurzum: Die Ärzte bestellten - und gehören bis heute wie andere Vertreter von "Geh- und Stehberufen" zu den wichtigsten Abnehmern.

Für das Unternehmen war es ein Glück, dass sich mit der Woodstock-Generation alternative Lebenskulturen entwickelten. So wurde aus dem Fehlstart des selbsternannten "Quertreibers in der Mode" ein Siegeszug in den gesellschaftlichen Milieus der Umweltschützer, Friedensbewegten, Grünen und Reformhäusler. Lange Zeit als Öko-Schlapfen verschrieen, bekamen die Treter in den Neunziger Jahren neue Träger: 1994 in Italien und vier Jahre später in London sah man plötzlich an den Füßen Jugendlicher Birkenstock-Sandalen - ob als ironisches Zitat oder einfach, weil sie so bequem sind, sei dahingestellt. Fuß fassen konnte der Schuh sogar in der Top-Modebranche, etwa bei Donna Karan, deren Models mit Birkenstocks auftraten oder bei Modefotograf Mario Testino, der die Schuhe mit Kaschmir bezog.

Die Schuhfirma selbst gibt sich neutral: "Birkenstock hat kein Image. Es sind Schuhe für jeden." Wenn sie jeweils zu einem Trend gepasst hätten, sei das immer zufällig gewesen. Denn "wir machen keine Mode, sondern einen Schuh." Aber auch bei Birkenstock reagiert man natürlich auf die Mode und entwickelte in den vergangenen zehn Jahren neue Produktlinien, die unter Namen wie Papillio, Tatami oder Footprints Wanderschuhe, Badeschlappen, Slipper und Stiefel auf den Markt bringen. Momentan wird am Prototyp eines Golfschuhs gearbeitet.

Negative Schlagzeilen machte das Unternehmen, das in 65 Ländern seine Schuhe vertreibt, aber ausschließlich in Deutschland produziert, 1993: Die Wahl eines Betriebsrates in einem der Birkenstock-Werke mündet in einen erbitterten Kampf zwischen Firmenchef Karl Birkenstock und einem Teil der Beschäftigten. Bedrohungen, Bespitzelungen und Hass sind an der Tagesordnung, 1997 wird der Chef die letzten gewerkschaftstreuen Mitarbeiter mit einer Abfindung los. Juniorchef Alex Birkenstock und weitere Führungskräfte müssen Geldbußen zahlen. Mittlerweile hat Karl Birkenstock das operative Geschäft ganz an die Söhne Alex, Christian und Stephan übergeben.

Was bleibt, ist das ergonomische Fußbett, verändert werden hingegen Motive und Farben: Blumenmuster und geometrische Formen zieren zum Beispiel Papillio-Schuhe, und die klassischen Birkenstocks (Sandale und Hausschuh) gibt es mittlerweile auch in Orange, Rot, Hellblau oder Grün. Das Jubiläumsmodell Boston präsentiert sich gar mit goldenem Glitzerüberzug - der allerdings könnte als Beweis dafür dienen, dass Birkenstock tatsächlich keine Mode machen will . . . Vielleicht ist da Model Heidi Klum stilsicherer: Mit ihr verhandelt man bei Birkenstock gerade darüber, sie als Designerin für neue Modelle einzusetzen.

Bestseller ist bis heute das Modell Arizona, die Kreuzung zwischen Sandale und Hausschlappen: vorne und hinten offen und über dem Spann zwei breite Lederriemen. Weltweit rangieren Birkenstocks in der Gunst von Freizeitschuh-Käufern auf Platz vier - sagte zumindest ein US-amerikanisches Marktforschungsinstitut vor zwei Jahren. In Österreich werden jährlich rund 200.000 Birkenstocks verkauft.

Angenehm zu tragen, und das geben mitunter selbst ärgste Kritiker zu, so sie denn ihre Füße mal ins Korkbett lassen, sind Birkenstocks allemal: Können sich doch die Zehen in ihrer ganzen Breite entfalten. Das wiederum ist für Ästheten gerade der Stein des Anstoßes. Birkenstocks bleiben damit die Latschen unter der Fußbekleidung, nicht sexy, aber saubequem. Einzige Lösung: nur im Haus tragen.
derStandard/rondo/7/6/02

Von Mareike Müller

BIRKENSTOCK
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