von Clarissa Stadler
Mango-Lassi

6. Juni 2002, 22:15
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Von allen Ländern, die ich noch nicht bereist habe, ist mir Indien das liebste, sage ich zu E. "Indien, stelle ich mir vor, ist überall besser als in Indien."

Wir sitzen bei unserem Lieblingsinder und schlürfen Mango-Lassi. In unseren Köpfen toben noch die Filmszenen aus "Monsoon Wedding", eine Welt in Rot und Orange, Raserei aus Ringelblumen und Handys, Nasenringen und Punkten auf der Stirn. "Nach Indien müsste man fahren", sagt E. "Bist du wahnsinnig?", antworte ich. "Was willst du dort? Mit tausend anderen Rucksacktouristen in Goa raven? Auf der Suche nach Karma und Kitsch? Indienreisende erzählen grundsätzlich nur über andere Indienreisende. In Indien treffen sich die Indienreisenden aus ganz Europa und breiten dort ihr widerwärtiges Europa aus. Wenn sie zurückkommen, schwärmen sie von Indien. Das sie nie erreicht haben." "Trotzdem", wird E. jetzt beharrlich, "will ich mal in diese Atmosphäre eintauchen, Delhi sehen, Bombay riechen, die Paläste der Maharadschas erleben - und wenn es sein muss, mit indischen Computertechnikern reden". "Vergiss es", sage ich zu E., während die dampfenden Metallplatten auf unseren Tisch gestellt werden und sich eine Wolke aus Kreuzkümmel-Aroma in dem winzigen Raum breitmacht. "Das beste Indien ist hier! Es besteht aus Curry, Lamm und Huhn, ohne lästige Anreise und Gott sei Dank ohne Indienreisende im Authentikrausch. Kauf dir eine CD von Nusrat Fateh Ali Khan oder der Asion Dub Foundation. Das genügt vollkommen.

"Blöde Globalisierung", bricht es jetzt aus E. heraus. "Das hat nichts mit Globalisierung zu tun, sondern mit Illusionismus", sage ich zu E. "Das ist dekadent!", sagt E. Das ist ganz normal, denke ich und bestelle noch ein Mango-Lassi.
Clarissa Stadler/derStandard/rondo/7/6/02

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