Jüdischer Journalist über "Neurose der Deutschen"

7. Juni 2002, 07:23
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"Mythos vom Tabu" der Israel-Kritik ist eine deutsche Zwangsvorstellung

München/Wien - Dass Deutsche die Politik Israels nicht kritisieren dürften, sei eine "sich selbst erhaltende, genuin deutsche Zwangsvorstellung, die von nichtjüdischen Journalisten, Kommentatoren und Autoren auf beiden Seiten der Debatte immer wieder genährt wird", schreibt der Journalist Guy Raz am Donnerstag in der "Süddeutschen Zeitung" zu der gegenwärtigen Antisemitismus-Debatte. "Kritisiert Israel, kritisiert die deutsche Regierung, wenn Euch danach ist, kritisiert die Europäische Union und Menschenrechtsverletzungen in Tibet, aber hört auf, über die absurde Vorstellung zu jammern, dass Ihr dies nicht könntet", fordert Raz, Deutschland-Korrespondent des amerikanischen National Public Radio (NPR), die Deutschen auf.

"Das Szenario ist nur allzu vertraut: Ein Politiker, Schriftsteller, Intellektueller oder eine andere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens macht eine 'schockierende' Aussage über Juden oder Israel. Am nächsten Tag findet man in den deutschen Zeitungen - gelangweilt vom Mangel an Berichtenswertem in Deutschland - spaltenweise Kommentare zu diesem 'Verstoß', oder, was noch geläufiger ist, 'diesem Bruch eines Tabus'. Auch Talkshows und Radiosendungen sind voll von solchen 'Gewissensprüfungen'. Der Politiker, Schriftsteller, Intellektuelle oder die Person des öffentlichen Lebens wird als 'Antisemit' gebrandmarkt. Am folgenden Tag geht er in die Offensive. Er tritt tapfer vor die Presse und gibt zu verstehen, jeder, der 'mutig' genug sei, Israel oder 'die Juden' zu kritisieren, würde sofort zum Antisemiten erklärt. Der Gegenschlag beginnt damit, dass Tausende deutscher Durchschnittsbürger sich fragen, warum es niemandem - auch nach 60 Jahren der 'Gewissensprüfung' - erlaubt sei, Israel oder die Juden zu kritisieren. Einige Wochen später füllen dieselben Zeitungsjournalisten, die zuvor 'Antisemitismus' gewittert hatten, ihre Spalten mit der Diskussion darüber, warum die Deutschen Israel nicht kritisieren können."

"Es gibt jedoch eine Gruppe, die bei dieser 'Debatte' schlichtweg vergessen wird. JUDEN. Mit Ausnahme einiger weniger so genannter deutsch-jüdischer Führungspersönlichkeiten gibt es die stumme, überwältigende Mehrheit von Juden in Deutschland, Israel und den USA, deren Absicht es nicht ist, dieses Tabu aufrecht zu erhalten. Lassen Sie mich das einmal klar und deutlich formulieren: Deutsche, dieses Tabu gibt es nicht. (...) Mit anderen Worten: Nicht-Juden in Deutschland haben sich dieser Frage auf beiden Seiten der Kontroverse angenommen. Joschka Fischer schrieb einen Leitartikel, in dem er die Deutschen dazu aufrief, einfühlsam mit dem Thema Israel umzugehen. 'Die Zeit' wiederum veröffentlicht die reißerische Schlagzeile: 'Antisemiten lauern überall', was impliziert, Juden seien bemüht, diese Leute 'ausfindig zu machen'."

Deutschland nicht so interessant...

"In Deutschland existiert der Mythos, die restliche Welt wäre von diesem Land und seiner Geschichte besessen. Ich möchte der deutschen Öffentlichkeit ein Geheimnis verraten: die Welt verschwendet nicht allzuviel Zeit darauf, sich über Euch den Kopf zu zerbrechen. Sie hat ihre eigenen Sorgen, Krieg, Hunger, Gewalt, Steuern, Sex, sichere Arbeitsplätze. Die Vorstellung, Deutsche könnten Israel nicht kritisieren, ohne als Antisemiten bezeichnet zu werden, ist grotesk, und sie impliziert, dass diese Idee von Juden aufrecht erhalten würde. Es handelt sich um ein rein deutsches Konstrukt, dass eine Neurose der Deutschen zur Grundlage hat. "

"Die meisten Juden, die ich kenne, mich selbst eingeschlossen, stehen der Besetzung der palästinensischen Gebiete äußerst kritisch gegenüber. Wir denken, sie sollte umgehend und bedingungslos beendet werden. Wir halten sie für eine Form der Kolonialisierung. Andererseits glauben wir fest an das fundamentale Existenzrecht des Staates Israel innerhalb seiner Grenzen vor 1967. Also regt Euch ab, Deutsche. Kritisiert Israel (...), aber hört auf, über die absurde Vorstellung zu jammern, dass Ihr dies nicht könntet. Ihr seid nicht länger Opfer einer geschichtlichen Bürde. Ihr seid langweilig, wohlhabend, gesund, normal. Genau wie wir Amerikaner. Es tut mir leid, Euch diese Nachricht überbringen zu müssen..." (APA)

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