"Globale Gefahr" Tuberkulose

5. Juni 2002, 21:14
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Unrentabler Markt: Die Arzneien sind zu teuer oder werden nicht produziert

Wien - Sibirien. Strafkolonie 33 in Marinsk. Gefängnisärztin Natalia Vezhnia erinnert sich: "Jeden Tag mussten Leichen begraben werden. Es geschah nicht oft, dass Angehörige kamen und die Toten mitnahmen, und wenn, konnten wir ihnen nicht in die Augen sehen. Sie beschuldigten uns, Todescamp zu sein."

Als die Tuberkulose ausbrach, hatte Natalia nur Aspirin. Über Ärzte ohne Grenzen erhielt sie Arzneien, Tb wurde eingedämmt. Heute hat sie ein neues Problem: Die Arzneien wirken nicht mehr. 22 Prozent der Häftlinge, das sind 400, leiden an multiresistenter Tb. Sie werden sterben, die Behandlung ist zu teuer.

98 Prozent in den armen Ländern

Laut WHO erklärten Vertreter der Pharmaindustrie: "Der Markt ist gigantisch durch die Anzahl der Patienten, aber relativ klein, wenn man die Zahl jener Patienten betrachtet, die bezahlen können. Wäre Tb ein Problem westlicher Länder, gäbe es Investitionen." Weltweit leiden 16 Millionen Menschen an Tb, jedes Jahr erkranken acht Millionen, zwei Millionen sterben. 98 Prozent aller Todesfälle ereignen sich in armen Ländern, 79 Prozent aller Patienten haben aus Kostengründen keinen Zugang zu Arzneien. Tb breitet sich aus, besonders in Afrika und Asien, die Zahl jährlicher Neuinfektionen stieg seit 1992 um 20 Prozent. In Kasachstan erkranken etwa 48 von 100.000 Einwohnern an Tb, in Österreich 8.

Zweijährige Behandlung: 26.000 Euro

Die achtmonatige Therapie kostet zwar nur 45 Euro, wird die Arznei aber nicht regelmäßig unter medizinischer Aufsicht eingenommen (was selten vorkommt, da sich das Gros der Betroffenen nicht in Kliniken legt, sondern arbeitet, um die Familie zu ernähren), entwickeln sich Resistenzen. Zweijährige Behandlung der multiresistenten Tb kostet 26.000 Euro.

Die WHO hat Tb zur "globalen Gefahr" erklärt, auch für Industriestaaten: Jüngste Epidemien gab es vor wenigen Jahren in London, Madrid, Paris. Der gegen heutige Erreger nicht mehr ausreichend wirksame Impfstoff wurde 1923 entwickelt, Medikamente 1940. Seitdem ist es um die Tb-Forschung still geworden. (fei/DER STANDARD, Printausgabe 06.06.2002) Lesen Sie morgen über Schlafkrankheit.

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