Noch ein Fegefeuer der Eitelkeiten

5. Juni 2002, 20:47
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Streit um den neuen Walser-Roman: Es knirscht im Getriebe der Literatur-Industrie

Von Cornelia Niedermeier

Die Entscheidung ist gefallen: In genau drei Wochen, am 26. Juni, wird Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers in den Buchhandlungen liegen. Das Buch erscheint unverändert bei Suhrkamp, dessen Verleger Siegfried Unseld die Herausgabe des Romans in Kenntnis seines umstrittenen Inhalts längst vertraglich mit dem Autor geregelt hatte.

Mit dieser wichtigen Entscheidung bezieht der Suhrkamp Verlag Stellung in der beispiellosen Debatte der vergangenen Tage: Suhrkamps Entscheidung ist vor allem eine für die Redemokratisierung der Lesekultur. Mit der Veröffentlichung erklärt der Verlag die lesende Öffentlichkeit für mündig genug, sich selbst ein Urteil zu bilden über Walsers Buch.

Suhrkamp widersteht damit einer Kampagne der Vorverurteilung, die in ihrer Wucht entlarvend ist für die Missstände des gegenwärtigen Literaturbetriebs. Am vergangenen Mittwoch hat der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem offenen Brief den Vorabdruck des Romans durch seine Zeitung abgelehnt. Er bezeichnete ihn als "Dokument des Hasses", beschuldigte Walser des Spiels mit dem "Repertoire antisemitischer Klischees" und zitierte einige Stellen aus dem bis dato nur als Manuskript existenten Buch.

Schon am nächsten Tag fanden sich namhafte deutsche Intellektuelle bereit, sich über Walsers Kokettieren mit dem Antisemitismus zu erregen - freilich ohne Kenntnis des Manuskripts. Statt, wie juristisch und moralisch gefordert, die Unschuldsvermutung, in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten, so lange gelten zu lassen, bis eindeutige Beweise eine Anklage rechtfertigten, verurteilte man Walser auf Verdacht, allein, da ihm aufgrund seiner Frankfurter Friedenspreis-Rede von 1998 ein solches antijüdisches Ressentiment zuzutrauen wäre - obwohl keines seiner Werke diesen schwerstmöglichen Vorwurf jemals gerechtfertigt hat.

Wie untauglich die Kategorien sind, nach denen Literatur heute als antisemitisch eingestuft wird, bewiesen in der Folge die ersten Rezensionen des schnell von Suhrkamp den Journalisten zur Verfügung gestellten Manuskripts. Die unterschiedlichen Lesarten bestätigten nahezu ausnahmslos nur den Standpunkt des Lesers vor der Lektüre, entsprachen dessen Nahe- oder Distanzverhältnis zur Person des Autors, des satirisch verfremdeten Protagonisten des Buchs, Marcel Reich-Ranicki, oder gar zu Frank Schirrmacher, insgesamt also seiner Stellung im Getriebe des Literaturbetriebs.

Der Literatur- und Medienbetrieb nämlich outete sich in den vergangenen Tagen als just das Macht- und Beziehungsgeflecht, als das Martin Walser ihn in seinem Roman karikiert. Denn Walsers Buch ist, jenseits aller Qualitätsurteile, ein böser satirischer Schlüsselroman auf die Machtstrukturen der heutigen Literatur-Industrie, erzählt aus der distanzierten Perspektive eines Mediävisten, eines Kabbala-Forschers, dem diese Szene fremd ist und bleibt.

Die inkriminierten Zitate stammen alle von solchen Personen des Betriebs, etwa einer Verlegersgattin, hinter der unschwer Ulla Berkéwicz erkennbar ist. Sie alle entblößen sich in ihren gegenseitigen Eitelkeiten und Eifersüchteleien damit selbst. Erfolglose Autoren, die "Chorknaben" des Großkritikers: Sie definieren sich über ihr Verhältnis zum Zentrum der Macht, verkörpert durch Ehrl-König/Reich-Ranicki und den Pilgrim Verlag/Suhrkamp.

Martin Walsers Buch und die geradezu wunschgenau dem Buchszenario folgenden, überhitzten Reaktionen der Medien offenbarten einigen vorurteilsfreien Reflexionsbedarf. Nicht zuletzt die ursprüngliche Frage, wann Literatur als antisemitisch einzustufen ist, wird noch ausführlicher zu debattieren sein - erst recht in Anbetracht der nicht rationalen, sondern stark emotionalisierten Reaktionen, die vor dem Hintergrund einer anderen deutschen Antisemitismus-Debatte, jener ernsten um Jürgen Möllemann und die FDP, vorschnell auf Walsers ungelesenes Buch übertragen wurden. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2002)

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