Fritz Goergen: Obersteirer als Spezialist für FDP-Tabubrüche

5. Juni 2002, 18:58
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Sein Name taucht in diesen Tagen in Zusammenhang mit der von Parteivize Jürgen Möllemann angeheizten Debatte um Antisemitismus und einen möglichen Rechtsruck der FDP immer wieder auf: Die bayerische FDP-Landesvorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verwies in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung am Mittwoch darauf, dass "Möllemann auf Goergen hört".

Fritz Goergen gilt als geistiger Vater des "Projekts 18" und der FDP-Kanzlerkandidatur. Die einen in der FDP bezeichnen ihn als "graue Eminenz", die anderen als Strippenzieher, Anstifter oder - in Anspielung auf Jörg Haider - als "diesen Österreicher". Zweifelsohne ist der gebürtige Obersteirer der einflussreichste Wahlkampfberater in der FDP. Mit ungewöhnlichen, auch umstrittenen Einfällen erreichte er im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000 so viel Aufmerksamkeit für die FDP, dass die Partei unter Spitzenkandidat Möllemann mit fast zehn Prozent wieder den Einzug in den Landtag schaffte.

Daraufhin engagierte ihn Parteichef Guido Westerwelle als Strategieberater - eine Bezeichnung, auf die Goergen Wert legt. Selbst Ehrenvorsitzender Otto Graf Lambsdorff, der nicht sehr viel Positives über ihn verbreitet, bezeichnet ihn als "hochintelligenten Strategen, politischen Kopf".

Als solcher erwies er sich schon an der Universität Graz, wo Fritz Fliszar, wie der 61-Jährige damals hieß, Geschichte, Philosophie und Germanistik studierte und promovierte. Als Vertreter des Rings Freiheitlicher Studenten (RFS) war er Stellvertreter des Vorsitzenden der Hochschülerschaft, des nunmehrigen STANDARD-Chefredakteurs Gerfried Sperl. Schon damals propagierte er Tabubrüche, was er später zum Wahlkampfcredo erhob: "Welches Tabu haben wir heute noch nicht gebrochen?"

Wegen eines Angebots der Hochschulzeitung wechselte der Steirer nach Deutschland und stand der Fraktion von Rudi Dutschke nahe, erinnern sich Weggefährten. Goergen wurde dann von Hans-Dietrich Genscher zur FDP geholt, war zeitweise sein Büroleiter und stieg in der FDP rasch auf: Mit 33 Jahren war er Vize-bundesgeschäftsführer, mit 36 Jahren auch Geschäftsführer der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Von 1979 bis 1983 organisierte er als Bundesgeschäftsführer Wahlkämpfe. Bis 1996 gehörte er dem Vorstand der Stiftung an.

1996 markiert eine Zäsur in seinem Leben. Er nahm den Nachnamen seiner Frau Barbara Goergen an und machte sich mit einer Agentur für Trendanalysen selbstständig. Möllemann holte den ruhig wirkenden Schnauzbartträger in die Politik zurück. Auch die alte Heimat lässt ihn nicht los. Er unterstützt aktiv den Wiederaufbau des Liberalen Forums. Dessen Wählerpotenzial schätzt er auf 20 Prozent. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 6.6.2002)

Alexandra Föderl-Schmid
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