"Zur Lage": Hausbesuche und Stammtischreden

27. Juli 2004, 16:19
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Österreich in Not: Das dokumentarische Album von Michael Glawogger, Michael Sturminger Barbara Albert und Ulrich Seidl

Wien – Völkerkerker, Mascherldepp, sexuelle Abnormitäten – kaum Begriffe, fast nur Klischees, geäußert auf einer Autofahrt an den Grenzen Österreichs entlang. Einmal nur, als ein Jugendlicher über die "depperten" Angepassten seines Umfelds zu nörgeln beginnt, meint man kurz eine dissidente Stimme zu vernehmen; dann aber beginnt auch er Jörg Haiders Verdienste zu loben.

Die Ambivalenz macht die Figur interessant, widerspricht sie doch dem vermeintlich homogenen Bild des FPÖ-Wählers. Leider bleibt sie damit in Michael Glawoggers Beitrag zu Zur Lage, einem dokumentarischen Album, das außer ihm noch Barbara Albert, Ulrich Seidl und Michael Sturminger mit Beiträgen bestücken, ziemlich allein.

Glawogger fuhr per Anhalter durchs Land, und so nebelverhangen trist sich der Blick durch die Windschutzscheibe ausmacht, so eindimensional gestalten sich darin die Reden vom permanenten Verfall wie auch von einer politischen Unbedarftheit. Hintergründe für diese Malaise, ihre strukturellen Bedingungen, bleibt Glawogger jedoch schuldig, sie deuten sich allerhöchstens in Momenten an.

Verstärkt noch durch die schwermütige Musik dominiert hier ein allzu deterministisches Bild Österreichs. Das ist angesichts einer Arbeit, die, über die spontan entstandenen filmischen Manifestationen zur schwarz-blauen Wende hinaus, eine analytische Bestandsaufnahme angestrebt hat, ein eher bescheidener Erkenntnisgewinn.

Doch Michael Sturmingers Beitrag ist erst richtig ärgerlich: Gemeinsam mit TV-Moderator Dieter Chmelar besucht er drei "Vorzeigefamilien" und stellt mit suggestiver Fragetechnik (über den türkischen Schulkollegen: "Ist das falsch, was er glaubt?") die Vorurteile und fehlende Bildung von deren Mitgliedern aus. Warum aber konservative Geschlechterrollen oder auch xenophobe Denkmuster sich als derart vorherrschend erweisen, erfährt man nicht.

Heim als Heimat

In solchem Kontext wirken auch die Einsprengsel Ulrich Seidls – neben kürzeren Gesprächspassagen ein Kanon sowie eine schauerliche Heurigenpassage – etwas ratlos: Einzig sein Porträt eines manischen Leserbriefschreibers für die Kronen Zeitung, der sich mit ungemeiner Pedanterie im eigenen Haus gegen ein als Bedrohung empfundenes Außen verbarrikadiert, überzeugt als eine Art Grenzfall, indem er diesen Mann gleichsam zum zwanghaften Subjekt komprimiert.

Barbara Alberts Teil hält das Spektrum politischer Ansichten hingegen bewusst offener: Sie widmet sich jüngeren Frauen, viele davon sind Arbeiterinnen, manche allein erziehende Mütter, die sie zu ihren konkreten Lebenszusammenhängen befragt. In den nach Überthemen geordneten Porträts scheint das Politische eher am Rande auf.

Auch wenn es nicht immer gelingt, den Frauen nahe zu kommen, das Gespräch mitunter abbricht, wird erst bei ihr eine Grundvoraussetzung des dokumentarischen Arbeitens richtig deutlich: das Interesse, über den bloßen Anschein hinaus noch etwas ergründen zu wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh

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