Der Rat der fünf Suhrkamp-Weisen

5. Juni 2002, 20:44
posten

Unabhängig vom Walser-Eklat entsteht ein Modell zur Wahrung der Suhrkamp-Kultur

Frankfurt/Main - Mehrfach war in den vergangenen Tagen unter dem Eindruck der Unklarheiten über das Erscheinen des Walser-Romans bei Suhrkamp vom drohenden - intellektuellen - Untergang des Verlages zu lesen. Angesichts der schweren Erkrankung Siegfried Unselds wurden Gerüchte um einen sich abzeichnenden Machtkampf zwischen Unselds Ehefrau Ulla Berkéwicz und dem amtierenden Verlagsleiter, Günter Berg, kolportiert.

Wie haltlos diese Untergangsszenarien sind, erwies nun nicht nur das klare Urteil Günter Bergs für eine Drucklegung des umstrittenen Walser-Romans und damit ein Bekenntnis zu der Entscheidung, die Siegfried Unseld bereits vertraglich mit Martin Walser getroffen hatte.

Wesentlicher für die inhaltliche Zukunft des Verlags sind die Aktivitäten, die zurzeit für eine juristische Neuordnung des Unternehmens gesetzt werden. Am 29. April dieses Jahres wurde die "Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung" errichtet, in die jene 51 Prozent der Anteile eingingen, die Siegfried Unseld an Suhrkamp hält. Ihren Vorsitz führt zunächst Unseld, als Nachfolgerin ist Ulla Berkéwicz installiert.

Wesentliches Organ der Familienstiftung ist der Stiftungsrat, als dessen Aufgabe die Satzung vorschreibt, "Kontinuität, Ruf und literarischen Anspruch der Suhrkamp/Insel-Gruppe zu wahren, zu fördern und ungeschmälert zu erhalten". Dem Rat, der am 1. Juni zu seiner ersten konstituierenden Sitzung zusammentrat, gehören mit Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Alexander Kluge, Adolf Muschg und Wolf Singer dezidiert Repräsentanten der kritischen intellektuellen Suhrkamp-Tradition an. Bei Ausscheiden eines der - betagten - Mitglieder ergänzt sich der Rat selbst durch Kooption, um Beeinflussung von außen zu verhindern.

Dem Rat kommt - einem Aufsichtsrat vergleichbar - beratende Funktion zu. Für die Tagesgeschäfte ist Verlagsleiter Günter Berg verantwortlich. Ob das Stiftungsmodell sich allerdings in Krisenfällen als tauglich erweist, muss sich erst zeigen: Stiftungsvorstand und Stiftungsrat werden ihre Arbeit erst aufnehmen, wenn Siegfried Unseld die Tätigkeit als Verleger nicht mehr ausüben kann. (Cornelia Niedermeier/DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2002)

Share if you care.