Kleine Geschichte des Schlüsselromans

5. Juni 2002, 20:38
posten

Anmerkungen zu einem groben Genre

Schon einmal in jüngerer Vergangenheit gab es den Fall, dass noch vor der allgemeinen Zu-gänglichkeit eines Buches massiv (Vor-)Urteile gefällt und Verbote gefordert wurden. Und auch dieses Buch war ein Schlüsselroman über die Literatur- und Kunstszene: Holzfällen. Eine Erregung, 1984 publiziert bei Suhrkamp.

Zwar traten in Thomas Bernhards kunstvollerer Prosa nicht, wie jetzt bei Martin Walser, Großkritiker wie der "Ehrl-König" (d. h. Marcel Reich-Ranicki) und "Professor Silberfuchs" (Joachim Kaiser) oder die Verlegersgattin Pilgrim (Ulla Berkéwicz-Unseld) und viele andere auf. Es fehlte auch die geballte Fernseh- und Medienmacht, die Walser im Tod eines Kritikers angreift.

Bei Bernhard steht dem gegenüber das in jeder Weise kleinere Kulturleben im Wien der 50er-Jahre: Der "Burgtheatergeck, einer jener geistlosen Brüller" (Walther Reyer), der "Maler Rehmden" und viele andere "lebende Kunstleichen" werden vorgeführt.

Thomas Bernhard musste für seine Attacke zwar nicht den Antisemitismus-Vorwurf einstecken (der traf ihn aber vier Jahre später, seltsamerweise vor Heldenplatz). Aber der im Buch als "versoffener Komponist in Webern-Nachfolge" auftauchende Gerhard Lampersberg hatte, angestachelt vom Literaturkritiker Hans Haider, eine einstweilige Verfügung wegen "Verleumdung" gegen das schon ausgelieferte Buch erwirkt:

Ähnlichkeiten?

In der Zeit im Bild am 29. 8. 1984 war zu sehen, wie die Polizei den Roman in heimischen Buchhandlungen konfisziert. Am gleichen Abend trat der Verlagsleiter Siegfried Unseld im ORF-"Kulturjournal" auf und sprach von "herausgelösten Zitaten" und einer "Entstellung" der Autorenintention. Wochenlang war das Buch, oder genauer einige herausgerissene Zitate, im Gespräch. - Ähnlichkeiten? Und: Warum sind es meist Schlüsselromane, die solche Skandale hervorrufen?

Das explosive Element liegt schon in der Gattung: Der "roman à clef" schildert Personen, Zustände und Ereignisse aus der Gegenwart des Autors, mehr oder minder verschlüsselt hinter fiktiven oder historischen Namen. Der Leser ist aufgefordert, Schlüssel zur Dekodierung zu finden. Die Gefahr dabei ist, dass die dann entdeckten "echten" Personen und ihre Geschichte gegen die im Buch oft auch mit anderen Zügen ausgestatteten Buch-Personen ausgespielt werden.

Und noch gefährlicher ist es, wie jetzt im Falle Walsers, wenn von einer einflussreichen Zeitung wie der FAZ vor Erscheinen gleich ein Universalschlüssel propagiert wird:

"Antisemitismus" solle, so der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, das Buch aufschließen. Eine Falle, die oft bei Schlüsselromanen zuschnappt: Mit Universalschlüssel machen sich alle auf die gesteuerte Suche. Und ein Schlüssel wie "Antisemitismus" passt leider sehr oft, auch schon, mit Verlaub, im Neuen Testament, auch bei Thomas Manns Figur des Intellektuellen Naphta im Zauberberg. Überdies wird man dabei für jede gefundene oder entsprechend uminterpretierte Stelle moralisch belohnt.

Gesellschaftsspiele

Dabei könnten Schlüsselromane so belebende Gesellschaftsspiele sein! So verstanden es die Frühromantiker, als sie sich in Ludwig Tiecks Der gestiefelte Kater (1797) verspottet fanden: Sie konnten über sich selbst lachen.

Weniger zu lachen hatte freilich schon Gustav Gründgens, als er sich in Klaus Manns Mephisto (1936) wiederfand: als korrumpierter Staatsschauspieler "Hendrik Höfgen", Protegé des Naziregimes.

In der geschichtlichen Spannung und in solchen politischen Krisen- und Gefahrensituationen wird nämlich auch der Schlüsselroman auf eine Zerreißprobe gestellt: Im Falle Klaus Manns standen die Fronten zwischen den Emigranten "draußen" und den Mitläufern "drinnen", im deutschen Reich.

Solche Fronten wirkten als Verstärker: "Das Gesetz des Kampfes erfordert von uns, dass wir auf Nuancen verzichten", sagt der Autor Sebastian in Klaus Manns Roman. - Nuancen sind an sich nicht die Spezialität von Schlüsselromanen. Da kann es oft ganz schön grob "zur Sache" gehen, auch ungerecht.

Im Falle von Mephisto etwa wurde in den ablehnenden Reaktionen starr geschieden zwischen "Guten" und "Bösen", ohne zu sehen, wie der Dichter auch die Guten mit "bösen" Zügen ausstattet (und umgekehrt). Der in Mephisto als "Benjamin Pelz" vorkommende Gottfried Benn reagierte in einem Brief jedenfalls gereizt: "Geistig sehr schwach, kritisch unergiebig", lautete sein Verdikt.

Gibt es auch freundliche Schlüsselromane? Kaum. Wer Personen oder Zustände angreifen will, kann schwerlich freundlich sein. Und die ganze zeitgenössische Gesellschaft ist beim Lesen auch voyeuristisch mit beteiligt, schadenfroh auf Niederlagen wartend. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2002)

Von Richard Reichensperger
  • Klaus Mann: "Mephisto" (bei rororo)
    foto: rohwolt

    Klaus Mann: "Mephisto" (bei rororo)

Share if you care.