"Die Zeit solcher Säuberungen ist vorbei"

5. Juni 2002, 20:55
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Die Würfel sind gefallen: Martin Walsers "Tod eines Kritikers" wird im Suhrkamp Verlag erscheinen

Die Würfel sind gefallen: Martin Walsers umstrittener jüngster Roman "Tod eines Kritikers" wird - trotz "kontroverser Diskussionen" und einer warnenden TV-Ansprache von Marcel Reich-Ranicki - doch im Suhrkamp Verlag erscheinen.


Frankfurt - "Die Mordfantasien in diesem Roman im Zusammenhang mit der Person dieses jüdischen Kritikers haben meine Frau und mich tief getroffen", erklärte Marcel Reich-Ranicki noch Dienstagnacht in einer Ansprache in seiner ZDF-Sendung Solo. Einmal mehr warnte er nachdrücklich vor Martin Walsers jüngstem Buch Tod eines Kritikers, in dem man Reich-Ranicki als Vorbild für einen verhassten Literaturpapst wiedererkennen kann. Mahnend hob der Kritiker den Zeigefinger: Der Suhrkamp Verlag, Heimstatt für Autoren wie Ernst Bloch, Paul Celan und Walter Benjamin, sollte so ein "antisemitisches" Werk nicht veröffentlichen.

Nun, bei Suhrkamp, laut Eigendefinition "immer wieder Forum für große Debatten" und "der Tradition der Aufklärung" verpflichtet, hat man die Mahnung in den Wind geschlagen: Die Publikation sei man dem Autor und der Öffentlichkeit schuldig. Trotz "kontroverser Diskussionen und Bedenken" im eigenen Haus, nachdem der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (solidarisch mit seinem einstigen Mentor Reich-Ranicki) Walsers Manuskript angeprangert hatte. Die meisten Kritiker kamen erst jetzt dazu, das Buch zu lesen.

Entsprechend wirr ist derzeit das Aufeinandertreffen von positiven Kritiken und Verrissen, mit denen sich die deutschsprachigen Medien gegenwärtig überbieten. Peter Turrini bejubelt etwa in der heutigen Ausgabe von News "ein wunderbares Buch, sehr witzig, sehr polemisch". Robert Menasse hingegen flucht: "Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ein Schriftstellerkollege es schafft, dass ich mich mit Reich-Ranicki solidarisieren muss. Walser hat es geschafft, und das macht mich wütend." Literaturnobelpreisträger Günter Grass wiederum hatte Walser in der ARD-Sendung Boulevard Bio entschieden gegen Antisemitismus-Vorwürfe verteidigt.

Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung versucht, die Kontroverse zu beruhigen, nicht zuletzt indem er den Konflikt zwischen Walser und Reich-Ranicki als in die frühen 60er-Jahre zurückreichend und sich von dorther aufschaukelnd beschreibt. Heute rechne Walser "mit einem Kritiker ab, unter dem er litt und den er für eine literarische Show-Figur hält". Darin liest Kaiser keinen Antisemitismus, sondern "höchstens wilden, vielleicht sogar mord-lustigen Hass. Man darf dieses Pamphlet, zumal als Betroffener, kritisieren. Aber nicht aus dem Verlag verstoßen. Die Zeit solcher Säuberungen ist vorbei."

Martin Walser selbst nannte die Entscheidung seines Hausverlags Suhrkamp "einen Grund zur Freude". Im Übrigen wolle er sich zu der Debatte nicht mehr äußern. Und Reich-Ranicki? Er empfindet die Publikation von Tod eines Kritikers, die jetzt möglichst schnell erfolgen soll, "sehr bedauerlich". Keine Frage: Der Streit geht weiter. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2002)

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