"Kaschmir braucht besondere Autonomie"

6. Juni 2002, 17:33
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Zentralasien-Experte Ahmed Rashid im STANDARD-Gespräch

STANDARD: Besteht ein reales Risiko eines Atomkrieges zwischen Indien und Pakistan?

Rashid: Es gibt ein reales Kriegsrisiko. Einfach deshalb, weil die Mobilisierung, die jetzt an der Grenze stattgefunden hat, beispiellos ist. Außerdem müssen wir noch eine andere Sache begreifen: Dieser Krieg ist kein traditionelles Schattenboxen, das die beiden Staaten über Jahre betrieben haben.

Dieser Krieg gründet in erster Linie nicht auf dem Streit um Kaschmir, sondern auf den Veränderungen, die seit dem 11. September 2001 stattgefunden haben. Diese Veränderung besteht darin, dass Indien jetzt einen sehr guten Grund gefunden hat und dafür auch noch internationale Unterstützung erhält, Druck auf Pakistan auszuüben, die Unterstützung für militante Kaschmiris zu beenden. Diesen Vorteil hatte es niemals vorher.

STANDARD: Indiens Premierminister Vajpayee steht innenpolitisch unter extremem Druck, sowohl innerhalb der Regierungskoalition als auch der hinduistischen Basis. Könnte dieser Umstand zu einer Eskalation führen?

Rashid: Das ist ein wichtiger Grund dafür, warum die Inder so agieren, wie sie agieren. Die BJP-Regierung hat alle vergangenen Wahlen in den Provinzen verloren. Die Kritik war massiv nach dem Massaker an 2000 Muslimen in Gujarat. Indem Indien Pakistan mit Krieg droht, kann Indien diese Unstimmigkeiten in der Innenpolitik nach außen ablenken. Die Methode wurde in der Vergangenheit oft angewandt. Jedoch eine Gefahr der gegenwärtigen Krise ist, dass beide Regime sehr schwach sind.

STANDARD: Russlands Präsident Putin will zwischen den beiden Parteien vermitteln, auch China ist mit von der Partie. Welche strategischen Interessen stecken dahinter?

Rashid: Besonders China ist sehr scharf darauf, jeden Konflikt zwischen Indien und Pakistan zu vermeiden. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Russland hat immer Indien, China immer Pakistan unterstützt.

Wir haben jetzt eine sehr seltsame Situation, China und Russland tun sich zusammen, um einen Krieg zwischen diesen beiden Staaten zu verhindern. Russland und China sind sehr nervös und sorgen sich ob der Gefahren von islamischem Fundamentalismus und Terrorismus. Daher haben beide ein großes Interesse, Pakistans Präsident Musharraf davon zu überzeugen, die Entsendung von Rebellen nach Kaschmir zu stoppen.

STANDARD: Gibt es einen Ausweg aus der Krise, und wie könnte ein Szenario für Kaschmir aussehen?

Rashid: Das vordringlichste Problem ist, die militärischen Spannungen zu entschärfen. Danach fürchte ich jedoch, dass Indien keinen Schritt unternehmen wird, um mit Pakistan und den kaschmirischen Parteien über Kaschmir zu verhandeln.

Indien ist jetzt in einer starken Position und bekommt internationale Unterstützung, im Herbst sollen in Kaschmir Wahlen abgehalten werden. Verhandlungen sind aber eine der Schlüsselforderungen Pakistans. Islamabad sagt, wir wollen gegen militante Kräfte vorgehen, wenn auch Indien reziproke Schritte tut, um mit Pakistan und den Kaschmiris zu verhandeln.

Indien würde das Problem Kaschmir beiseite lassen und nicht weiter mit Pakistan darüber diskutieren. Pakistan hat das Problem, dass es die Kaschmiris 55 Jahre unterstützt hat und es auch innerhalb Pakistans viel Sympathie für die kaschmirische Sache gibt. Musharraf kann Kaschmir nicht beiseite lassen, das ist das wahre Dilemma.

Was eine Lösung anbetrifft, denke ich, dass beide Seiten sich auf die Linie einigen müssen, die auch die internationale Gemeinschaft vertritt: das heißt eine Anerkennung der Kontrolllinie als einer De- facto-Grenze zwischen den beiden Staaten. Das heißt die Anerkennung der Teilung Kaschmirs. Dazu bedarf es jedoch einiger Konzessionen der indischen Seite, was das Kaschmir-Tal anbetrifft. Dort wird die muslimische Mehrheit massiv von Indien unterdrückt. Das Tal braucht eine Autonomie, einen besonderen Status. Den aber will Indien nicht zugestehen.

Der Pakistani Ahmed Rashid aus Lahore ist seit vielen Jahren Korrespondent des "Daily Telegraph" für Pakistan, Afghanistan und Zentralasien und gilt weltweit als einer der besten Kenner der Region. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 6.6.2002)

Das Kriegsrisiko im Konflikt zwischen Pakistan und Indien sei nach wie vor hoch, erklärt der Zentralasien-Experte Ahmed Rashid. Eine Lösung sei nur möglich, wenn die umstrittene Kaschmir-Region gerecht geteilt würde.

Das Gespräch führte Barbara Oertel
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