Mittelstand erwartet Pleitewelle

5. Juni 2002, 18:57
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Düsteres Szenario für die nächsten Monate

Wien - Sämtliche Konjunkturindikatoren zeigen für den heimischen Mittelstand derzeit nach unten. An die von Wirtschaftsforschern für das zweite Halbjahr 2002 vorausgesagte Erholung der konjunkturellen Lage in Österreich glauben viele Betriebe nicht. Eine alljährlich von der Creditreform Wirtschaftsauskunftei durchgeführte Umfrage (bis 10. Mai) unter rund 2000 Unternehmen aus Handel, Bau, Dienstleistungen und dem verarbeitenden Gewerbe zeigt einen deutlichen Stimmungseinbruch. Nach ihrer derzeitigen Geschäftslage befragt, geben 12,3 Prozent der befragten Mittelständler schlechte Voten ab. Das entspricht einem Zuwachs von 8,5 Prozentpunkten im Jahresvergleich und ist das schlechteste Ergebnis seit fünf Jahren.

Auch am Beispiel der Ertragsaussichten zeigt sich etwa, dass die Firmen ihre Erwartungen gegenüber dem Vorjahr deutlich zurückgenommen haben. Waren es im Frühjahr 2001 noch fast 40 Prozent der Befragten, die mit höheren Erträgen rechneten, sind es aktuell nicht einmal mehr 31 Prozent. Deutliche Einbußen verzeichnen sowohl der Handel, das verarbeitende Gewerbe als auch der Dienstleistungsbereich, der noch am optimistischsten in die Zukunft blickt.

5800 Insolvenzen

Creditreform-Chef Helmut Rödl erwartet ein deutliches Ansteigen der Unternehmensinsolvenzen im heimischen Mittelstand. Hochgerechnet aus der Insolvenzstatistik aus dem ersten Quartal 2002, als die Anzahl der Firmenpleiten um 7,2 Prozent auf 1400 Fälle stieg, prognostiziert Rödl heuer einen Anstieg der Pleiten um 11,5 Prozent auf 5800 Fälle. (Im Jahr 2001: 5200 Fälle.)

Tief im Keller liegt derzeit auch die Investitionsbereitschaft und zwar auf dem niedrigsten Stand seit Mitte der Neunzigerjahre. Lediglich 52,6 Prozent (Vorjahr: 63,0 Prozent) der Befragten planen Investitionen und auch da vor allem für den Ersatz alter Maschinen und Anlagen und in deutlich geringerem Ausmaß für so genannte Erweiterungsinvestitionen.

Spiegelbildlich zu geschmälerten Umsatz- und Ertragsaussichten verhält sich die Bereitschaft der Betriebe, neue Mitarbeiter einzustellen. Der Mittelstand, traditioneller Jobmotor der Wirtschaft, sieht wenig Spielraum für neue Arbeitsplätze (siehe Grafik). Der Anteil der Unternehmen, die Neueinstellungen planen, ist binnen Jahresfrist von 23,2 Prozent auf 17,9 Prozent zurückgegangen.

Verstärkter Jobabbau

Den relativ größten Willen zu Einstellungen weist neben dem Dienstleistungsbereich (19,4 Prozent) das verarbeitende Gewerbe auf. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Betriebe, die sich von Mitarbeitern trennen wollen oder müssen, von 9,8 Prozent auf 14,1 Prozent deutlich erhöht.

Am pessimistischsten ist derzeit der Bausektor. Die Bauwirtschaft befindet sich in der Doppelzange schrumpfender Investitionen anderer Wirtschaftssektoren und der öffentlichen Hand sowie der schlechten Zahlungsmoral - auch hier vor allem von Bund, Ländern und Gemeinden. Die Zahl der Zahlungsausfälle ist binnen Jahresfrist um zehn Prozentpunkte gestiegen.

Etwas Trost bietet nur der Vergleich mit Deutschland, wo es noch trister aussieht als in Österreich, so Rödl. Mit geschätzten 40.000 Unternehmens- und 20.000 Privatpleiten steuere die Bundesrepublik heuer auf einen neuen Insolvenzrekord zu. Rödl: "Deutschland ist in Europa am Ende des Wachstumszuges und an der Spitze des Insolvenzrankings." (miba, DER STANDARD, Printausgabe 6.6.2002)

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