"Kasperltheater des Jahrhunderts"

6. Juni 2002, 18:00
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Letzte Zugabe: Vorstand und Banken führen Verkaufsgespräche zur Konkursabwendung überraschend weiter

Wien - Der zur letzten Chance für Libro vor dem allseits erwarteten Konkurs hochstilisierte Bankengipfel endete am Donnerstag mit einem vagen, aber dafür um so überraschenderen Ergebnis: Es wird am Freitag weiterverhandelt, meldeten Libro-Chef Werner Steinbauer und die finanzierenden Banken, allen voran die Raiffeisen Zentralbank.

Sehr kurzfristig sei ein neuer Interessent, ein inländischer Libro-Lieferant, an den Verkäufer Gottwald Kranebitter vom Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG herangetreten und hätte sein Übernahmeinteresse mündlich deponiert. Ein verbindliches Kauf-Offert gebe es nicht, aber man wolle diese allerletzte Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen, hieß es aus Bankenkreisen. Ein Brancheninsider sprach vom "Kasperltheater des Jahrhunderts".

Wer der neue Interessent sei, wurde unter dem Hinweis auf "die hochsensible Phase" nicht mitgeteilt. An der Gerüchte- und Spekulationsbörse wurde kein Lieferant, aber unter anderem der Österreich-Buchhandelsableger der deutschen Bertelsmann-Gruppe, die Donauland-Kette ins Spiel gebracht. Auch die Gespräche mit dem Welser Papier- und Bürowarenhändler Anton Stahrlinger dürften noch nicht endgültig abgebrochen worden sein, war zu hören.

"Chancen auf Erfolg sehr gering"

Libro-Chef Werner Steinbauer sagte zum STANDARD lediglich: "Zu einem Zeitpunkt, wo es noch eine Restchance gibt, macht man nicht die Türe zu." Ein Banker sagte zur Fortführung der Gespräche: "Es ist ein allerletzter Versuch. Die Chancen auf einen Erfolg sind sehr gering. Meine Hoffnung, den Konkurs noch abzuwenden, ist extrem schaumgebremst." Eine neue Frist hätten sich die Verhandler nicht gesetzt, doch wird damit gerechnet, dass bis spätestens Montag eine Entscheidung fallen muss. "Auf das soll es jetzt auch nicht mehr ankommen", sagte ein Banker.

Im Vorfeld war damit gerechnet worden, dass die Verkaufsgespräche angesichts fehlender Finanzierungsnachweise zu keinem Ergebnis führen würden und Libro am Freitagmorgen Konkurs anmelden muss.

436 Millionen Euro Schulden

Das Unternehmen sitzt inklusive der Beendigungsansprüche der Mitarbeiter aus dem laufenden Dienstverhältnissen auf einem Schuldenberg von mittlerweile 436 Mio. Euro. Vor einem Jahr bei Ausgleichseröffnung waren es 327 Mio. Euro. Von einem Investor werden 40 bis 50 Mio. Euro für Libro verlangt. Die mehr als 2300 Mitarbeiter wurden bereits im Rahmen des Frühwarnsystems des Arbeitsmarktservice zur Kündigung vorangemeldet. (Michael Bachner, DER STANDARD, Printausgabe 7.6.2002)

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